Chip im Auge soll Blinden helfen, wieder Licht wahrzunehmen

TÜBINGEN (ars). Nach jahrelanger Blindheit wieder Licht wahrnehmen, sich frei in einem unbekannten Raum bewegen - diese Vision könnte demnächst für einige Menschen Wirklichkeit werden. Denn noch in diesem Jahr will ein Verbund von Forschergruppen den ersten Patienten einen Mikrochip hinter die Netzhaut setzen, der Lichtreize in elektrische Impulse für Nervenzellen umwandelt.

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In Deutschland leben etwa 130 000 Blinde, bei etwa einem Viertel von ihnen ist die Ursache eine degenerative Netzhauterkrankung, wie die erbliche Retinitis pigmentosa. Für diese Menschen käme das subretinale Netzhautimplantat in Frage, an dem Ärzte der Universitätsaugenklinik Tübingen zusammen mit anderen Kliniken und Instituten seit 1995 arbeiten. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

"Versuchstiere haben die Materialien gut vertragen, und die Ableitung der Potentiale im Gehirn ergab, daß Seheindrücke zustande kommen. Nun kann man die Arbeit nicht mehr vorantreiben, ohne zu wissen, was ein Mensch damit wahrnimmt", so Dr. Barbara Wilhelm. Die Ärztin leitet das Steinbeis-Transfer-Zentrum, dem die Koordination der Studie obliegt. Acht Patienten, die seit einigen Jahren durch eine degenerative Netzhauterkrankung vollständig erblindet sind, werden daran teilnehmen.

"Hunderte von Anfragen gehen bei uns ein, wir beantworten sie so nüchtern und realistisch wie möglich", berichtete Wilhelm. So kann das Implantat allenfalls abgestorbene Stäbchen und Zapfen ersetzen. Wenn dagegen der Sehnerv geschädigt ist - etwa durch Unfälle, Tumoren oder Durchblutungsstörungen -, wäre es unwirksam. Das gilt genauso für das epiretinale Implantat, das zur Zeit von anderen Arbeitsgruppen intensiv erforscht wird.

Das Einsetzen des Mikrochips erfolgt bei einer Glaskörperoperation und dauert einige Stunden. Geplant ist, daß die Patienten den Chip zunächst für einen Monat behalten. Doch für den Fall, daß jemand die Sehhilfe länger haben möchte, sind individuelle Lösungen geplant. "Es ist möglich, den Chip später gegen ein weiter ausgereiftes Modell auszutauschen", so Wilhelm.

Vorerst dürfen sich die Patienten eine Sehschärfe von bestenfalls 0,05 erhoffen, das ist genug, um Gegenstände in ihren Umrissen zu erkennen oder sich ohne Hilfe in einem fremden Raum zurechtzufinden. Zur Zeit entwickelt die Tübinger Arbeitsgruppe gemeinsam mit der Uni-Augenklinik Freiburg Tests, um solche Ergebnisse messen zu können, denn bisher fehlen Methoden für diesen niedrigen Bereich. Das Gesichtsfeld - so ist nach den technischen Eigenschaften des Chips zu erwarten - wird 12 Grad betragen. Zum Vergleich: Ein Grad entspricht etwa der Breite des Daumens, wenn man ihn im Abstand einer Armlänge vors Auge hält.

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