Gesellschaft

Chirurgie-Praxis direkt neben der Piste

Vor der Haustür ist der Skilift: In Deutschlands höchstgelegener chirurgischen Praxis - mitten im Skigebiet Feldberg im Schwarzwald - kümmert sich der Chirurg Roland Just um verunglückte Wintersportler.

Von Jürgen Ruf Veröffentlicht:
Sie warten schon auf die nächste Abfahrt: Ski- und Snowboardfahrer sitzen auf dem Feldberg im Schwarzwald in den Gondeln eines Skilifts.

Sie warten schon auf die nächste Abfahrt: Ski- und Snowboardfahrer sitzen auf dem Feldberg im Schwarzwald in den Gondeln eines Skilifts.

© Seeger / dpa

FELDBERG. Roland Just praktiziert mitten im Skigebiet. Der Facharzt für Chirurgie hat seine Arztpraxis in 1300 Metern Höhe auf dem Feldberg im Südschwarzwald. Höher gelegen ist keine chirurgische Praxis in Deutschland.

Die kleine Arztstation ist erste Anlaufstelle für Wintersportler, die sich beim Freizeitspaß verletzt haben. Just renkt ausgekugelte Gelenke ein, schient verdrehte Beine und beruhigt traumatisierte Patienten.

"Angst vor dem Winter darf man hier oben keine haben", sagt der 49-Jährige. Vor seinem Zimmer in der Praxis Feldberg türmen sich die Schneemassen, der Blick nach draußen durch das Fenster ist durch Schneeberge verdeckt. Direkt neben der Praxis ist der Skilift. Der Feldberg ist der höchste Berg im Schwarzwald.

Der aus Saarbrücken stammende Mediziner hat die kleine Praxis vor eineinhalb Jahren übernommen, es ist sein zweiter Winter hier. Vor ihm hatte ein Allgemeinmediziner die Praxis. Zeit für eine Kaffeepause hat der Chirurg nicht.

"Viele Wintersportler überschätzen sich"

Ein Krankenwagen fährt vor, direkt dahinter ein Motorschlitten der Bergwacht. Auf der Trage liegt eine sechs Jahre altes Mädchen aus der Schweiz. Sie hat sich beim Skifahren das Schienbein gebrochen. Just gipst es ein.

Danach geht es im Eiltempo ins Zimmer nebenan zum nächsten Patienten. Es ist ein Medizinstudent, der auf der Piste gestürzt ist und nun mit einer Risswunde ärztliche Hilfe benötigt. Im Wartezimmer sitzt ein junger Niederländer, der auf einer Rampe für Snowboarder verunglückt ist. Die Röntgenbilder sehen nicht gut aus.

"Viele Wintersportler überschätzen sich", sagt Just. Häufig fehle die Sicherheitsausrüstung, vor allem Protektoren. "Weil das Skifahren immer schneller und riskanter wird, ist das Verletzungsrisiko hoch." Die Verletzungen werden immer schwerer.

Am meisten hat es der Mediziner mit typischen Wintersportverletzungen zu tun: gebrochene Handgelenke, verdrehte Kniegelenke, verletzte Schlüsselbeine. In Ärztekreisen werden Chirurgen auch gerne "Einrenker" genannt.

Die Bergwacht ist froh darüber , einen Spezialisten direkt an der Piste zu haben. "Der Arzt vor Ort garantiert schnelle Hilfe", sagt einer der Bergretter. Den Patienten erspart er Wartezeiten und die lange Fahrt ins Krankenhaus.

"Bei einer ausgekugelten Schulter ist die erste Stunde nach dem Unfall entscheidend", erläutert Just den Patienten. "Kommt es in dieser Zeit nicht zu einer ärztlichen Behandlung, dann drohen Folgeschäden."

Die Station auf dem Feldberg ist deutschlandweit einmalig. Mit einer gewöhnlichen Arztpraxis ist sie nicht vergleichbar. An Spitzentagen versorgt Just bis zu 30 Unfallopfer. Manchmal fährt die Bergwacht gleich mit mehreren Verletzten vor. Nachmittags, wenn Skifahrer und Snowboarder müde und nicht mehr konzentriert sind, gibt es die meisten Unfälle.

Alle Hände voll zu tun an Wochenenden und in den Ferien

Besonders viel los ist an Wochenenden und in Ferienzeiten. Neben Weihnachten und Silvester hat Just in den Fastnachtsferien alle Hände voll zu tun. Im Skigebiet drängen sich die Menschen, die Zahl der Unfälle ist besonders hoch.

In den vergangenen zwei Monaten hat Just knapp 450 verunglückte Wintersportler versorgt. Jeden Tag, auch jedes Wochenende, ist er im Winter in der Praxis. Manchmal fährt er morgens eine Stunde Ski, bevor die Arbeit beginnt.

Seine Praxis hält Just das ganze Jahr offen. Derzeit dominieren die Wintersportler. Unabhängig von der Jahreszeit gehören aber auch die Einwohner des Ortes Feldberg und umliegender Gemeinden zu seinen Patienten. (dpa)

Mehr zum Thema

Außergewöhnliche Arztpraxis

Wo Eiskönigin Elsa Zähne bohrt

Schlagworte
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Corona-Impfung in einer kommunal organisierten Impfstelle im thüringischen Jena. Die Ärztekammer in Thüringen dringt auf eine generelle Impfpflicht, auch die BÄK hält dies angesichts der aktuellen Lage für geboten.

© Martin Schutt / dpa

BÄK-Brief an Merkel und Scholz

Ärzte drängen auf allgemeine Corona-Impfpflicht

Auch in Deutschland sollen bald Corona-Impfungen der 5- bis 11-Jährigen möglich sein.

© SvenSimon / Frank Hoermann / picture alliance

Corona-Impfungen bei Unter-12-Jährigen

BVKJ-Chef Fischbach: „Kinder sollen jetzt den Blutzoll zahlen“

Mittlerweile bekannt: Die rote Schleife steht für Solidarität mit HIV-Patienten und soll Aufmerksamkeit für die Infektion schaffen.

© Betelgejze / stock.adobe.com

HIV/Aids

„Trauen wir uns ruhig, über Sex zu reden!“