Das Drama einer ganzen Ärztegeneration

"Was kann der Einzelne noch entscheiden?" Mit dem Film "Drei Patienten" stellt der Arzt und Regisseur Georg Eichhorn Sinnfragen an seine Profession.

Von Thomas Trappe Veröffentlicht:
Filmszene aus "Drei Patienten": Durch die Überforderung in Notfallsituationen klammern sich die jungen Ärzte immer öfter blind an Vorschriften.

Filmszene aus "Drei Patienten": Durch die Überforderung in Notfallsituationen klammern sich die jungen Ärzte immer öfter blind an Vorschriften.

© Eichhorn

CHEMNITZ. Hinten im Garten des Hauses Eichhorn steht eine vom Urgroßvater gepflanzte Blutbuche, und der Baum ist eine gute Metapher. Knapp 80 Jahre alt ist der Baum und damit fast so alt wie die inzwischen über sieben Generationen reichende Ärztetradition der Chemnitzer Familie Eichhorn.

Würde ein Zweig der Buche querschießen, wäre die Metapher perfekt. Soll doch die Geschichte von Gregor Eichhorn erzählt werden, der seit Kurzem ebenfalls als Arzt arbeitet - viel größeres Aufsehen aber als Regisseur erregt.

Anästhesie-Arzt mit Regie-Ausbildung

Georg Eichhorn, Arzt und Regisseur

Georg Eichhorn, Arzt und Regisseur

© Trappe

Gregor Eichhorn, 29 Jahre alt, beendete vor einem Jahr sein Medizinstudium in Leipzig. Sein Geld verdient er als Anästhesie-Assistenzarzt am Chemnitzer Klinikum. Vor dem Studium machte er eine Regie-Ausbildung an der Filmakademie in Ludwigsburg. Schon sein Bewerbungsfilm, "Die Prüfung" aus dem Jahr 1999, wurde bei den Sendern 3sat und MDR gezeigt.

Auch sein Film "Die Stimmen" wurde im vergangenen Jahr mit dem MDR-Unicato-Award für den besten studentischen Spielfilm ausgezeichnet. 2002 brach Eichhorn in Ludwigsburg trotz aller Erfolge ab, die Ausbildung schien ihm zu sehr auf kommerzielle Inhalte fokussiert. Er studierte Medizin und machte weiter als Hobbyregisseur.

Eichhorns neuester Film, "Drei Patienten", erregte vor allem bei Sachsens Medizinern Aufsehen. Die Landesärztekammer schrieb, der Film behandle die großen Fragen des Arztberufs: "Was kann der Einzelne noch entscheiden? Für Wen oder Was ist man als Arzt zuständig?"

An der Uni Leipzig wird der Streifen in der Mediziner-Ausbildung gezeigt. Eichhorn hat damit vielleicht das Drama einer ganzen Ärztegeneration auf den Punkt gebracht.

"Er wird ja erst durch die Umstände zum Unmenschen."

Der Plot des Films ist schnell erzählt: Ein Notarzt im Krankenhaus ist überfordert von seinem Job, weiß vor lauter Leitlinien und widerstreitenden Erwartungen nicht mehr ein und aus - und klammert sich deshalb fast blind an Vorschriften.

Fatalistisch ergibt er sich dem vermeintlichen Zwang, was auch mal heißen kann, dass ein verletzter Obdachloser im Vorbeifahren ignoriert wird, da es keine anderslautende Anweisung aus der Einsatzzentrale gibt. Ein Zyniker, dem der tote Patient genauso nahegeht wie der geheilte - Hauptsache, der Fall ist abgeschlossen.

Gregor Eichhorn hat Verständnis für den Protagonisten. "Er wird ja erst durch die Umstände zum Unmenschen." Er und sein Filmteam hätten sich viele Gedanken gemacht, wie die Figur wohl angefangen hat, welche Vergangenheit sie hat.

"Und ich meine, dass er ein großer Idealist war, dass er Arzt wurde, weil er Menschen helfen wollte." Ökonomische Zwänge, Überlastung und die vermeintliche Sinnlosigkeit einer bürokratischen Apparatemedizin hätten ihm das aber ausgetrieben.

Viele der Zuschauer sind selbst Mediziner

In Dresden und in Leipzig wurde "Drei Patienten" inzwischen gezeigt, in Chemnitz gab es Extra-Vorstellungen. Bald ist eine Vorstellung in Hamburg geplant, als DVD ist der Film zu kaufen. Eichhorn ist einigermaßen überrascht von dem Erfolg.

Viele, wenn nicht die meisten, der Zuschauer sind selbst Mediziner. Und jede Vorstellung scheint eine Herausforderung für die Anwesenden, sich ihrem eigenen Berufsbild zu stellen. Eine häufige Reaktion, so Eichhorn, sei der Vorwurf, man dürfe Mediziner so nicht darstellen.

Eine Ärztin habe befürchtet, damit werde das Image der Ärzte beschädigt. Bei einer Vorstellung in Chemnitz erklärte ein Mediziner, dass er den Protagonisten gut verstehen könne, "das macht das Gesundheitssystem aus einem".

Dass Gregor Eichhorn irgendwann doch wieder ins Filmgeschäft zurückkehrt und den Arztberuf an den Nagel hängt, ist noch offen. Jetzt möchte er sich erst mal auf die Medizin konzentrieren. Bereits vor drei Jahren sprach ihn eine Oberärztin an und machte ihm deutlich, dass er nicht ewig Filmemacher und Arzt sein kann, er solle sich entscheiden.

Er hat sich bis heute nicht richtig mit dem Gedanken angefreundet. "Aber sie hatte natürlich irgendwie Recht."

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