30 Jahre Ärzte Zeitung

Der Start in die große EBM-Reform

Aufwertung der sprechenden Medizin, Abwertung der Technik, Einzelleistung versus Fallpauschale - ab 1985 tobte der Kampf um die Honorarverteilung. Es entstand ein tiefer Graben zwischen Haus- und Fachärzten.

Veröffentlicht: 16.03.2012, 10:14 Uhr

Raffinesse, Intrigen und Polemik: Die beiden Granden der ärztlichen Berufspolitik der späten 1980er Jahre, Siegfried Häußler (l.) als KBV-Chef und Hans-Joachim Sewering als Chef der KV Bayerns, lagen im Fundamentalstreit. Gronau/dpa

Landshut/Köln, im Herbst 1985. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Professor Siegfried Häußler, kündigt am 20. September 1985 eine grundlegende Neustrukturierung der Gebührenordnung an.

Das Ziel ist eine Vereinfachung des EBM, vor allem eine bessere Bewertung spezifisch ärztlicher Leistungen einschließlich der Beratungstätigkeit von Ärzten zu Lasten technischer Leistungen.

In den Monaten zuvor war es Häußler darum gegangen, angesichts erheblicher Beitragssatzsteigerungen und eines dennoch zu erwartenden Defizits der Krankenkassen im Jahr 1985 die Kassenärzte aus der politischen Schusslinie zu nehmen.

Einem politischen Kostendämpfungsprogramm gegen die Ärzte war Häußler im Frühjahr 1985 mit einem freiwillig vereinbarten Honorardeckel entkommen - eine Strategie, die innerärztlich auch Widerstände auslöste.

Häußler: Erkennbare Ungleichgewichte ausgleichen

Häußler, der damals als einer der prominentesten Vertreter der Allgemeinmedizin galt und selbst als Lehrbeauftragter für dieses Fach tätig war, ging es darum, die erkennbaren Ungleichgewichte in der Honorierung technikgestützter Facharztmedizin und der hausärztlichen Versorgung auszugleichen.

Seine Befürchtung war auch, dass sich Hausärzte aus wirtschaftlichen Überlegungen immer mehr Technik zulegten, um Verluste aus der unterdotierten sprechenden Medizin zu kompensieren. Grundsätzlich wollte er jedoch die Einzelleistungssystematik auch für Hausärzte Versorgung beibehalten.

Dem setzte der bayerische KV-Vorsitzende Professor Hans-Joachim Sewering ein anderes Konzept entgegen:

Sewering: Pauschale für praktische Ärzte

Der aufgrund seiner Ämterfülle wohl mächtigste Ärztefunktionär - als Kammerpräsident gehörte er auch dem Vorstand der Bundesärztekammer an und bestimmte dort die Geschicke der ärztlichen Weiterbildung (meist auf Kosten der Allgemeinmedizin) - schlug vor, die praktischen Ärzte sollten nur noch mit einer Pauschale honoriert werden, die Technik sollte auf die Fachärzte konzentriert werden, die weiterhin nach Einzelleistungen vergütet werden sollten.

Die Fachärzte sollten nur auf Überweisung von Praktischen Ärzten und Ärzten für Allgemeinmedizin vom Patienten in Anspruch genommen werden dürfen. Eine solche Einschränkung der freien Arztwahl hätte aber gesetzliche Änderungen erfordert.

In der Politik freilich hatte Häußler Boden gut gemacht.

Norbert Blüms Abteilungsleiter für die Krankenversicherung, Ministerialdirektor Karl Jung, lehnte Sewerings Pläne kategorisch ab: "Es wäre geradezu eine Diskriminierung der allseits propagierten persönlichen ärztlichen Zuwendung, wenn man hier zu einer leistungsfeindlichen Pauschalierung übergehen würde.

"Selbstmitleid ist keine Antwort"

Häußler selbst lederte Sewering mit einer harschen Replik ab: "Es gibt Platzanweiser, die den Nachwuchs aufteilen in proletarische Praktiker und elitäre Gebietsärzte. Auf eine solche Anmaßung ist Selbstmitleid keine Antwort.

Die kleinkarierte Denkweise der Platzanweiser kann uns kalt lassen. Die Zeit ist schon über sie hinweggegangen." Es war nicht der letzte Schlagabtausch zwischen Häußler und Sewering. (HL)

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