Die intimsten Geheimnisse werden im dunklen Kino ausgesummt

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Von Werner Hinse

Vor dem Schalter des Schloßtheater-Kinos in Münster entfährt dem offensichtlich verwirrten Besucher ein ländlich-derbes: "Sie wollen mich wohl verarschen?" Die anderen Besucher in der Warteschlange hinter ihm grinsen sich wissend an: ein Novize. Für sie ist wohl klar, was der Besucher gerade lernt: Am Mittwochabend in der 21-Uhr-Vorführung hat er nämlich keine freie Platzwahl. Auch darf er nicht neben seiner Frau sitzen. Das gehört alles dazu bei der "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit". Der Mann schüttelt den Kopf, verlegen lächelnd: "Nee, das glaub' ich nicht."

Diese "Anleitung" hat seit zwei Jahren Konjunktur in der Bischofs- und Studentenstadt, ist Kult geworden. Noch vor der Jahreswende hat der Film die prestigeträchtige 100-Wochen-Laufzeitmarke in Münster überquert. Ein Film, den sonst kaum noch jemand in Deutschland sehen will.

Regisseurs Peter Hackl "Anleitung" mit dem skurrilen Titel, den ungewöhnlichen Vorbereitungen und dem ungewöhnlichen Inhalt haben in Münster über 15 000 Menschen gesehen, heißt es beim Münchener Filmverleih. Auch in Dresden ist er schon über 70 Wochen von bislang etwa 25 000 Besuchern gesehen worden. Ansonsten zirkulieren noch zehn Filmkopien in deutschen Kinos - aber eher als Flop. In Berlin sahen nur 500 Menschen den Film, bevor er abgesetzt wurde. In Hamburg, Köln und Frankfurt/Main war's nicht viel anders.

Der entgeisterte Münsteraner kauft aber dann doch zwei Karten. Seine Karte ziert ein dickes "M", die andere ein "F" - Geschlechtertrennung wie in früher in den katholischen Kirchen des Münsterlands. Rechts im Kino sitzen die Männer, fast durchweg vor einer Flasche Bier. Links die Frauen, etliche mit Latte Macchiato oder Cappuccino.

Selbst Bekannte dürfen nicht nebeneinander sitzen. Sonst funktioniert der Effekt des Films angeblich nicht. Alle Plätze mit der Nummer sieben in den Kinoreihen müssen frei bleiben. Daß niemand mogelt, dafür sorgt beim Film-Start der Platzanweiser persönlich. Und als das bei zwei Männern nicht fruchtet, steht auf der anderen Seite des Saals eine Steffi auf und ruft: "Ihr setzt euch jetzt auseinander!" Sie gehorchen prompt.

Genau darum und um die Sprachlosigkeit in Partnerschaften geht es in der "Anleitung", die der Wiener Bernhard Ludwig zu überwinden sucht. Ludwig, der Medizin und Psychologie studiert und seine Dissertation über "Verhaltenstherapie mit Übergewichtigen geschrieben hat, leitet seit 20 Jahren Übergewichtsgruppen. Vor mehr als einem Jahrzehnt organisierte der heute Mittfünfziger seine Seminare als Kabarettabende und leitete begleitende wissenschaftliche Untersuchungen, so am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich.

Seine unterhaltsamen Programme wurden vor allem für Herzinfarkt- und übergewichtige Hochdruckpatienten entwickelt, heißt es über Ludwig im Internet. Deshalb gibt es auch die "Anleitung zum Herzinfarkt" und die "Anleitung zum Diätwahnsinn". Und schließlich auch die "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit".

Es gibt in dem verfilmten Kabarett aber keinen Romeo, keine Julia, kein Drama und auch keinen Horror. Ludwig ist als älterer Herr zu sehen, der ruhig zwischen Flipchart und Stehtisch von einer Bühne vor Zuschauern im Film und im Kino doziert - als Darsteller und Verhaltenstherapeut. Es geht um die letzten zwischen den Geschlechtern offenen, weil oft nicht erörterten intimen Fragen: Was wollen alle Frauen? Was alle Männer? Sind nackte Männer in Socken attraktiv? Woran erkennt man/frau sexuelle Unzufriedenheit?

Die Zuschauer auf der Leinwand und im Kino sollen auf Anweisung unauffällig summend auf Fragen antworten. Und, oh Wunder, befreit von Freund oder Freundin inmitten von etwa 50 Unbekannten wird gesummt - und wie! Die intimsten Geheimnisse werden in Dunkeln ausgesummt. Es ist über eineinhalb Stunden ein großer Spaß.

Der Film ist eher spröde, halt verfilmtes Kabarett, aber als Gruppenerlebnis richtig unterhaltsam. Felix Esch, Chef der Münsterschen Filmbetriebe, preist den Film als die "billigste Form der Sexualtherapie" an. Dieses "interaktive Kino" ist vor gut zwei Jahren im größten Saal seines Cineplex-Centers ausverkauft angelaufen, die Karten waren begehrt, die Menschen standen über Wochen Schlange.

"Die Anleitung" wurde zum Kult in der Stadt der anspruchsvollen Kino-Gänger, wie Esch sie sieht. Rekordhalter sind Filme wie "Jenseits der Stille", der hier über zweieinhalb Jahre lief. "Brot und Tulpen" schaffte auch die magische 100-Wochen-Grenze. Deshalb hat Esch auch Geduld mit der kultigen "Anleitung", selbst wenn die Resonanz allmählich bröckelt, die Warteschlangen mittwochs kürzer werden. Als das Licht nach den Therapiestunden in Münster wieder angeht, fallen sich gleich im Saal zwei zwangsgetrennte Paare in die Arme. Wie hatte Felix Esch doch gleich gesagt: "Das ist ein Thema, das wichtig ist."

Der Film "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit"läuft vorläufig noch mittwochs in Münster. Die "Anleitung" gibt es als Kabarett an verschiedenen Terminen im Januar und Februar in Wien und im März in München. Termine und weitere Infos unter: www.seminarkabarett.com

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