Indische "Cowboys" auf Kuhjagd

NEU DELHI (dpa). Seit Jahren führt Neu Delhis Stadtverwaltung einen Kampf gegen streunende Kühe in der Metropole. Alok Aggarwal, städtischer Tierarzt und Kuhjäger, leitet eine geheime Operation.

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Runter von der Straße, rein in den Stall: Mitarbeiter indischer Behörden in Neu Delhi fangen die heiligen Kühe ein.

Runter von der Straße, rein in den Stall: Mitarbeiter indischer Behörden in Neu Delhi fangen die heiligen Kühe ein.

© Foto: dpa

Es ist noch sehr früh, der Morgen graut und Aggarwal zündet sich hektisch die bereits zweite Zigarette an. Einer seiner Viehtransporter verspätet sich und Aggarwals restliche Männer lungern gelangweilt vor einer Polizeiwache in Neu Delhi herum. Ihm ist das zu auffällig. "Die Kuhbesitzer sind gut vernetzt und beobachten uns genau. Wir können sie jetzt nicht mehr überraschen", schimpft er.

Kühe sind Hindus in Indien heilig. Die Tiere dürfen in vielen indischen Bundesstaaten nicht geschlachtet werden und können sich frei bewegen. Doch die wiederkäuenden Heiligtümer blockieren nicht nur Stadtautobahnen und lassen ihre Fladen vor Edelboutiquen fallen. Das Stadt-Vieh ist schlicht gefährlich: Immer wieder berichten Zeitungen von Verkehrsunfällen oder randalierenden Bullen, die Fußgänger angreifen.

Mehrmals in der Woche durchkreuzen bis zu hundert Mann starke Trupps die Stadt, um die Tiere einzusammeln. Allein im Jahr 2008 hat die Stadtverwaltung so nach eigenen Angaben 18 652 Kühe von der Straße geholt. Doch noch immer laufen nach offiziellen Schätzungen etwa 50 000 Rinder durch die Stadt.

Wann und wo eine Kuh-Razzia startet, ist geheim. Nur das Tieramt und die Polizei weiß von den Operationen. Sie soll die städtischen Cowboys schützen. Denn jede Kuh hat einen Eigentümer, der das Tier verteidigt. Für den Widerstand hat selbst der Veterinär Aggarwal Verständnis. "Wir zerstören ihm (dem Besitzer) die Existenz", sagt Aggarwal. Die Eigentümer lassen ihr Vieh tagsüber den Müll auf Delhis Straßen fressen und von gläubigen Hindus füttern. Abends trotten die Kühe dann zurück und liefern Milch. Wegen des Werts der Tiere hageln nicht selten Steine auf die Cowboys.

Die Tiere sind friedlich auf chaotischen Autobahnen

An diesem Tag bleiben die Kuhbesitzer jedoch friedlich. Nur wenige von ihnen protestieren bei den mit Schlagstöcken bewaffneten Polizisten, die den Einsatzort absichern.

Die Tierfänger schlagen die Kühe mit Stöcken, bewerfen sie mit Steinen und ziehen an ihren Schwänzen, um den Widerstand der Tiere zu brechen. "Wie soll man ein Biest denn sonst zähmen?", sagt Aggarwal. Die Stadtkühe können in der Tat wild werden: Zwar stehen sie auf den chaotischen Autobahnen so friedlich wie ein Bio-Rind im Allgäu, doch legt man ihnen eine Schlinge um den Hals, werden sie panisch und unberechenbar. Einigen musste er schon Betäubungsmittel in den Nacken schießen, um sie ruhig zu stellen.

Strenggläubige Hindus beschweren sich

Vielen strenggläubigen Hindus gehen die Aktionen gegen die für sie heiligen Tiere zu weit. Ihre Beschwerden landen beim städtischen Veterinär M. L. Sharma, er ist Aggarwals Vorgesetzter und verantwortlich dafür, dass die Hauptstadt kuhfrei wird. "Als Reaktion darauf rüsten wir derzeit alle unsere Fahrzeuge mit hydraulischen Hebebühnen aus", sagt Sharma. Kühe sollen dann nicht mehr die Rampe in den Laderaum der Lastwagen hinauf getrieben werden müssen. Außerdem verteilt er Videoaufnahmen von den neuen Ställen an Fernsehsender. Die Bänder zeigen friedlich fressende Rinder, denen es offenkundig gut geht.

Kuhjäger Galopan Chitonka macht sich eher um seine eigene Gesundheit Sorgen. "Erst letzte Woche ist wieder eine Kuh gegen meine Schulter gerannt", sagt der 24-Jährige. An diesem Tag wird einer der Tierfänger mehrere Meter von einer Kuh mitgezogen, er verletzt sich dabei am Kinn. Trotzdem ist der Job beliebt. "Der Staat ist ein sicherer Arbeitgeber und bezahlt nicht schlecht", sagt Chitonka. Etwa 200 Euro erhalten städtische Vollzeit-Cowboys monatlich - plus knapp zehn Euro Risikozuschlag.

Selbst wenn alle Kühe Neu Delhis eines Tages eingefangen sein sollten, wird man die Tierfänger noch brauchen. Denn in den Slums in der Hauptstadt wimmelt es von anderen Tieren: Schweine zum Beispiel.

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