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HINTERGRUND

Körperlich fit, selten verletzt: Gesundheitsreform von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zeigt Erfolg

Von Jens Mende und Pete Smith Veröffentlicht:

Der bisherige Erfolg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM im eigenen Land ist auch ein Verdienst der Ärzte und Fitneßtrainer im Team. Die Mannschaft präsentiert sich bei den Spielen in einem ausgezeichneten körperlichen Zustand.

Vor allem Mannschaftsarzt Dr. Tim Meyer und der US-Fitneßcoach Marc Verstegen haben damit die Kritiker, die in der Vorbereitungsphase zur WM immer wieder vor einem "Übertraining" gewarnt hatten, zum Schweigen gebracht.

Bei der Heim-Weltmeisterschaft präsentiert sich die deutsche Fußball-Nationalelf bislang nicht nur topfit, sondern blieb auch von Verletzungen weitgehend verschont. Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der die neuen Trainingsmethoden gegen viele Widerstände eingeführt hat, kann heute auch im Viertelfinal-Hit gegen Argentinien aus dem Vollen schöpfen.

Nur Kapitän Michael Ballack laborierte während des Turniers an einer Wadenverletzung, später an einer Fuß-Blessur, er ist aber einsatzbereit. Christoph Metzelder mußte mit einer Sehnen-Zerrung im Knie behandelt werden, dazu war der Daumen von Oliver Kahn geprellt. "Unsere medizinische Abteilung arbeitet hervorragend", lobte Bundestrainer Klinsmann. Zwei Orthopäden, ein Internist, ein Psychologe, vier Physiotherapeuten und vier Fitneß-Trainer kümmern sich rund um die Uhr um die 23 Spieler des WM-Kaders.

Komplexe Betreuung plus größere Eigenverantwortung

Klinsmann hatte schon bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren die spezielle Gesundheitsreform in der Nationalelf eingeleitet. Komplexe Betreuung plus größere Eigenverantwortung der Spieler gab der ehemalige Nationalstürmer, der selbst als Profi immer von einer überragenden Fitneß profitiert hatte, als Schlagwörter aus.

"Wir können dir helfen. Aber du mußt viel investieren, zweimal Training am Tag, die richtige Ernährung, die richtige Regeneration", gab Klinsmann seinen WM-Kandidaten mit auf den Weg. Und die meisten verstanden: Etwa die Hälfte der Profis hat die von Klinsmann verordneten Zusatzschichten intensiv absolviert - und sich dadurch verbessert, so der Bericht der Experten.

Eine genaue Beobachtung aller Werte von Ausdauer bis zu Kraft und Beweglichkeit gehörte von Beginn an zur Reform. Vier komplexe Tests unter wissenschaftlicher Leitung mußten die Spieler über sich ergehen lassen, die Werte bildeten die Grundlage für die individuellen Trainingsprogramme.

Für den Bereich Ausdauer ist Shad Forsythe zuständig, für die Kraft Craig Friedman. Koordinator ist Marc Verstegen, der Chef des US-amerikanischen Fitneß-Unternehmens "Athletes' Performance" aus Arizona, mit dem der Bundestrainer seit dem zweiten Länderspiel im September 2004 gegen Brasilien (1:1) zusammen arbeitet.

"Fitte Spieler sind weniger verletzungsanfällig, auch wenn das natürlich nicht der einzige Aspekt ist", sagte Oliver Schmidtlein. Bei Bayern München ist er als Physiotherapeut angestellt, bei der Nationalelf darf er als Fitmacher sein in den USA erworbenes Wissen einsetzen.

Bei der WM 1998 in Frankreich war Schmidtlein schon als Physiotherapeut bei der Nationalelf dabei - der gesamte medizinische Stab ist seit Jahren eingespielt. Der 63 Jahre alte Orthopäde und Sportmediziner Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, über 20 Jahre in Diensten des DFB, ist die erste Vertrauensperson im Mediziner-Stab. Bei der EM 1996, als Deutschland den letzten Titel gewann, hatte sich der Stürmer Klinsmann im Viertelfinale einen Muskelfaserriß in der Wade zugezogen.

Nur sieben Tage später stand er auf dem Londoner Endspiel-Rasen und sicherte der DFB-Elf mit den Titel. Damals ging die Mannschaft nach den Ausfällen von Jürgen Kohler, Mario Basler und schweren Verletzungen von Fredi Bobic, Steffen Freund, Dieter Eilts und Thomas Helmer regelrecht am Stock - Bundestrainer Berti Vogts holte in der Not sogar Jens Todt nach England nach.

Ähnliche Sorgen wird Trainer Klinsmann dieses Mal aller Voraussicht nach nicht bekommen: Das Puzzle seiner Gesundheitsreform paßt. Jeden Tag spricht er zu festgelegten Zeiten mit Müller-Wohlfahrt und dem erfahrenen Physiotherapeuten Klaus Eder die Trainingsinhalte ab. "Ich habe den Eindruck, daß die Medizin wesentlich stärker mit in die Planungen und das tägliche Trainingsprogramm einbezogen wird", bestätigte Müller-Wohlfahrt.

"Was die Trainer machen, ist begründet und professionell"

Sein Kollege Meyer lobt die Arbeit der Fitneß-Trainer. "Was die amerikanischen Trainer machen, ist begründet und professionell", so sein Urteil. Verstegen hatte versprochen, daß jeder Spieler seine Leistung um 20 Prozent steigern könne, vorausgesetzt, er setze das verordnete Fitneßprogramm konsequent um. Dafür war der US-Fitneßcoach anfangs belächelt oder kritisiert worden. Seine Kritiker sind inzwischen verstummt.

Trainer Klinsmann weiß aber auch, wie schnell sich der Wind wieder drehen kann. "Wenn wir rausfliegen würden gegen Argentinien, ging die Diskussion wieder los." Seine Neuerungen empfiehlt er auch den Bundesligavereinen. Er würde lieber vier Fitneßtrainer für je 50 000 Euro beschäftigen und das lieber bei einem Spieler einsparen, sagte er. (dpa/eb)

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