Deutschland

Statistiker sehen coronabedingte Übersterblichkeit

Das Statistische Bundesamt meldet für April einen starken Anstieg der Sterbefälle im Vergleich zu den Vorjahren – und legt einen Corona-Bezug nahe.

Von Matthias Wallenfels Veröffentlicht: 29.05.2020, 15:45 Uhr
Statistiker sehen coronabedingte Übersterblichkeit

COVID-19 forderte bisher mehr als 7000 Todesopfer in Deutschland.

© Instantly / stock.adobe.com

Wiesbaden. Im April sind nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) in Deutschland mindestens 82.246 Menschen gestorben – rund acht Prozent mehr als im Durchschnitt der vier Vorjahre. Mehr als 80.000 Sterbefälle in einem April habe es in Deutschland zuletzt im Jahr 1977 gegeben, wie Destatis am Freitag mitteilte.

Die Sterbefallzahlen hätten von der 13. bis zur 18. Kalenderwoche insgesamt 7486 Fälle über dem Durchschnitt der vier Vorjahre gelegen. Regional sei diese Entwicklung maßgeblich von drei Bundesländern geprägt gewesen – allesamt Corona-Hotspots (siehe nachfolgende Karte).

Die Sterbefallzahlen hätten in Bayern um 18 Prozent, in Baden-Württemberg um 16 Prozent und in Nordrhein-Westfalen um fünf Prozent den Durchschnitt der vier Vorjahre übertroffen.

Diese Befunde zur Übersterblichkeit deckten sich bei Betrachtung der absoluten Zahlen mit den Daten zu bestätigten COVID-19-Todesfällen, die beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet werden, heißt es ergänzend. In den Kalenderwochen 13 bis 18 starben nach Angaben des RKI insgesamt 7083 Personen, die zuvor laborbestätigt an COVID-19 erkrankt waren.

„Die zeitliche Entwicklung verlief ebenfalls annähernd parallel: Sowohl die Abweichung vom Durchschnitt bei den Gesamtzahlen als auch die Zahl der COVID-19-Todesfälle waren in der 15. Kalenderwoche am größten“, verdeutlichen die Statistiker.

Dies bedeute aber nicht, dass alle zusätzlich gezählten Fälle in der Sterbefallstatistik an COVID-19 gestorben seien. Rückgänge oder Anstiege bei anderen Todesursachen könnten ebenfalls einen Effekt auf die gesamten Sterbefallzahlen haben. Die Grippewelle als ein möglicher Einflussfaktor gelte in diesem Jahr aber bereits seit Mitte März als beendet. Üblicherweise beeinflussten Grippewellen bis Mitte April die Sterblichkeit.

Vergleichsweise geringe Übersterblichkeit

Im europäischen Vergleich sei das Ausmaß der Übersterblichkeit in Deutschland vergleichsweise gering. Das Statistische Amt Frankreichs beispielsweise weise für den Zeitraum vom 1. März bis zum 20. April gegenüber 2019 eine um 27 Prozent erhöhte Sterblichkeit aus.

Das nationale Statistische Amt Italiens (Istat) berichte sogar von einer um 49 Prozent erhöhten Sterbefallzahl für den März 2020 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019. Die nationalen Statistischen Ämter Belgiens, Großbritanniens, der Niederlande, Österreichs, Portugals, Schwedens, der Schweiz und Spaniens stellten ebenso erhöhte Sterbefallzahlen fest.

In vielen Ländern sei der bisherige Höchststand bereits überschritten und das Ausmaß der Übersterblichkeit nehme wie in Deutschland wieder ab. Keine auffälligen Veränderungen zu den Vorjahren seien bislang in Norwegen und Tschechien beobachtet worden.

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Dr. Thomas Georg Schätzler

Dass im April 2020 nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (www.destatis.de) in Deutschland mindestens 82.246 Menschen gestorben sind, bedeutet rund acht Prozent mehr als im Durchschnitt der vier Vorjahre von 2016 bis 2019.

Mehr als 80.000 Sterbefälle in einem April hat es in Deutschland zuletzt im Jahr 1977 gegeben. Ursache dafür war damals eine besonders heftige Influenza-Saison 1976/1977.

Vgl dazu:
"5.1 Die narrative Reaktualisierung der Spanischen Grippe in den 1970er Jahren" und insbesondere
"5.2 Abwartendes Beobachten der ‚Schweinegrippe 1976/1977‘ bzw. der sogenannten ‚New-Jersey-Grippe‘ durch westdeutsche Behörden"
aus
"Eine kurze Geschichte der Influenza" in:

David Rengeling

Vom geduldigen Ausharren zur allumfassenden Prävention, Seite 48 - 95

Grippe-Pandemien im Spiegel von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit

1. Auflage 2017, ISBN print: 978-3-8487-4341-4, ISBN online: 978-3-8452-8565-8, https://doi.org/10.5771/9783845285658-48
Reihe: Gesundheitssoziologie, Bd. 1
nomos Verlag.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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