Russland

Xenon-Gas - das neue Dopingmittel?

Lassen sich russische Sportler ein Edelgas verabreichen, um leistungsfähiger zu sein? Darauf gibt es jetzt deutliche Hinweise. Das Problem: Das Gas steht nicht auf der WADA-Liste. Und der Chef des russischen Forschungszentrums will darin kein Doping sehen.

Veröffentlicht: 25.02.2014, 17:01 Uhr
Leutturm mit Xenon-Lampen: Ist russischen Sportlern ein Licht aufgegangen?

Leutturm mit Xenon-Lampen: Ist russischen Sportlern ein Licht aufgegangen?

© Carsten Rehder / dpa

FRANKFURT/MAIN. Der WDR hat über eine bislang unbekannte Dopingmethode berichtet, die im russischen Leistungssport offenbar breitflächig angewendet werde: Dabei bekommen Athleten das Edelgas Xenon verabreicht, das die EPO-Konzentration im Blut steigert.

In der Sendung "sport inside" präsentierten Journalisten ein Dokument der staatlichen Forschungseinrichtung "Atom-Med-Zentrum", in dem es heißt, dass Xenon "nicht auf der Verbotsliste" stehe und auch "nicht von der WADA (der Welt-Anti-Doping-Agentur, die Redaktion) beobachtet" werde.

Xenon ist ein seltenes Element, wird aber vielfach eingesetzt, beispielsweise als Inhalationsanästhetikum und als Füllgas von Gasentladungslampen in Autoscheinwerfern (Xenonlicht).

Die leistungssteigernde Wirkung von Xenon entdeckten deutsche und britische Forscher in Tierversuchen. Durch seine Gabe werde "ein Protein im Körper hochreguliert, das wiederum die Neubildung von unterschiedlichen Proteinen wie zum Beispiel auch Epo anregt, so dass deren Konzentration im Körper steigt", erklärte Dr. Andreas Goetzenich von der RWTH in Aachen.

Das Dopingpotenzial dieser Methode sei enorm, ergänzte Professor Mario Thevis vom Institut für Biochemie der Sporthochschule in Köln. "Innerhalb von 24 Stunden war die EPO-Produktion um den Faktor 1,6 auf 160 Prozent gesteigert worden", so Thevis.

WADA sieht Handlungsbedarf

Es sei sehr wahrscheinlich, dass Xenon beim Menschen die gleiche Wirkung erziele. Zudem, so geht aus den Unterlagen hervor, steige durch Inhalation des Gases auch die Testosteron-Konzentration im Körper an.

Offenbar wird die Methode im russischen Sport in vielen Sportarten angewendet. In dem Dokument des "Atom-Med-Zentrums" werden ausdrücklich die Disziplinen Biathlon, Skilanglauf, Eisschnelllauf, Short-Track, Eishockey, Basketball, Volleyball und sogar Fußball genannt.

Weiter heißt es darin, dass bei den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen sowie bei den Winterspielen 2006 in Turin über 70 Prozent der russischen Medaillengewinner mit Xenon-Gas beatmet worden seien und man den Einsatz der Methode auch für Sotschi empfehle.

In einem Interview mit dem WDR bestritt der Generaldirektor des "Atom-Med-Zentrums", dass die Verabreichung von Xenon Doping sei. "Doping ist es doch dann, wenn Spuren von biochemischen Reaktionen bleiben. Wenn das nicht so ist - wie kann es dann ein Dopingmittel sein?"

Dagegen sieht der Gründungspräsident der WADA, der Kanadier Richard Pound, in der Verabreichung von Xenon aus nicht-therapeutischen Zwecken einen klaren Dopingverstoß, auch wenn das Gas nicht auf der Verbotsliste stehe.

WADA-Präsident Craig Reedie räumte dringenden Handlungsbedarf ein: "Bereits bei ihrer nächsten Sitzung wird unsere Kommission das Thema Gas-Inhalation behandeln." (Smi)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Immer ein Schritt zu spät

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Dr. Thomas Georg Schätzler

Sturm im Wasserglas mit Xenon-Gas?

Aber selbst wenn Xenon-Gas-Anwendung die EPO-Produktion auf 160 Prozent ansteigen lässt, werden doch die daraus resultierende Erhöhung des Hämoglobin-Wertes bzw. der Anstieg der Erythrozyten/Retikulozyten schon durch ein simples Blutbild detektiert.

Und wenn man sich dann noch die komplette Liste der e r l a u b t e n Mittel unter "Liste der erlaubten Wirkstoffe für Fachpersonen gültig ab 1.1.2014", Herausgegeben durch Antidoping Schweiz, unter
"Medikamentendatenbank auf www.antidoping.ch" bzw.
https://www.antidoping.ch/download/731/de/
anschaut, gibt es eher viel zu viele als zu wenige Schlupflöcher.

Beim Nachweis und der diagnostischen Klärung abnormer Blutwerte, die im Rahmen einer indirekten Beweisführung zum Verdacht des Blutdopings, zur Verurteilung durch den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) bzw. zur Sperre von Frau Claudia Pechstein als Eisschnellläuferin führten, hatten es sich die Doping-Fahnder dagegen viel zu einfach gemacht.

Denn Frau Pechsteins Diagnose ist: Hereditäre Xerozytose, eine Membrananomalie, ähnlich der Sphärozytose (Kugelzell-Anämie). Dieser genetische, autosomal-dominant erbliche Erythrozytendefekt aus der Gruppe der Membranopathien mit Kationenpermeabilitätsstörungen und klinisch variablem, mild-hämolytischen, phasenweise inapparentem Verlauf war und ist für ihre auffälligen Retikulozytenwerte verantwortlich und n i c h t unzulässige Doping-Aktivitäten. Vgl.
http://www.claudia-pechstein.de/Gutachten/Prof.Eber%2006.02.2011.pdf

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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