Interview

100 Patienten am Tag - das ist Wahnsinn!

Die deutsche medizinische Versorgungspraxis heilt wohl weniger die Patienten - treibt dafür aber Ärzte in den Burn out. 100 Patienten am Tag, Regressdruck, ein gieriger Steuerstaat - Dr. Martin Dieudonné über die Fluchtgründe aus Deutschland.

Veröffentlicht:
Auswanderer Dieudonné: "Für mich ist es das schmerzliche Ende eines Lebensabschnittes."

Auswanderer Dieudonné: "Für mich ist es das schmerzliche Ende eines Lebensabschnittes."

© mm

Seit 15 Jahren arbeitet Dr. Martin Dieudonné als Hausarzt in Trier. Jetzt hat er die Nase voll. Nicht mehr 100, sondern maximal 30 Patienten will der Allgemeinarzt am Tag versorgen - und dies vernünftig.

In Deutschland geht das nicht, ist der 47-Jährige überzeugt. Arbeitsverdichtung im Hamsterrad, hohe Steuern und Regresse bestimmten hier den Alltag. Der engagierte MEDI-Mann hat seine Praxis nun zu gemacht. Im Juni will Dieudonné in der Schweiz neu beginnen.

Ärzte Zeitung: Wie fühlt es sich an, mit 47 Jahren die Praxis zu schließen und die Kassenzulassung zurückzugeben?

Dieudonné: Was die KV betrifft, so ist es eine nüchterne Formalie: Antrag - Bescheid!

Für mich persönlich ist es das schmerzliche Ende eines Lebensabschnittes. Ich erinnere mich an viele Jahre Aufbauarbeit. Zuletzt musste ich fünf Arbeitsverhältnisse kündigen, ein QM-Handbuch zu den Akten legen und viele Abschiedsgespräche mit Patienten führen. Dies nimmt man nur auf sich, wenn der Druck groß ist.

Ärzte Zeitung: Was hat Sie bewogen, in Deutschland die Zelte abzubrechen und ihr Glück in der Schweiz zu suchen?

Dieudonné: Zum Schluss konnte ich es nicht mehr ertragen, für das wirtschaftliche Überleben die "Taktzahl" der Patientenkontakte pro Arbeitstag immer weiter in die Höhe schrauben zu müssen. 100 Patienten täglich - das ist Wahnsinn! Ich war auf dem direkten Wege ins "Burn-out".

Hinzu kommen der permanente Regressdruck, die hohe steuerliche Belastung und die Zuspitzung der beruflichen Zwänge. Kollegen von mir müssen 20.000 Euro Regress zahlen. Das ist verrückt! Bei mir waren es zum Glück nicht mehr als 1000 Euro.

Ärzte Zeitung: Sie sind seit Jahren bei MEDI Trier GbR aktiv. Können Organisationen wie die KV, MEDI oder andere etwas an den derzeitigen Missständen ändern?

Dieudonné: Im Prinzip ja! Doch leider unterstützen die Mitglieder ihre gewählten Vorstände nicht mit ausreichendem Nachdruck, wenn es drauf ankommt! Jüngstes Beispiel ist für mich das Scheitern des Kollegen Hoppenthaller in Bayern.

Ärzte Zeitung: Wissen Sie schon, wo Sie in der Schweiz landen werden?

Dieudonné: Ich lasse mir Zeit. Ich habe in kurzer Zeit mehr als zehn Angebote von Praxen in der Schweiz bekommen. Zwei Angebote sind in der engeren Wahl.

Ärzte Zeitung: Wird es da nicht finanziell eng?

Dieudonné: Der teuerste "Einzelposten" ist die Tatsache, dass meine Kassenarztzulassung in Deutschland keinen Pfifferling wert ist, da es keinen Nachfolger für die Praxis gibt. Demgegenüber verblassen alle anderen Kosten.

Ansonsten ist es kein Problem die Zeit zu überbrücken, da ich bis April noch zwei Schlusszahlungen von der KV erhalte, aber bis dahin praktisch keine Betriebskosten mehr habe.

Ärzte Zeitung: Was erhoffen Sie sich von dem Neustart?

Dieudonné:  Ich erwarte, in der Schweiz meinen geliebten Beruf als Hausarzt wieder in Ruhe ausüben zu können. Grundlage hierfür ist eine transparente und leistungsgerechte Gebührenordnung für Ärzte und eine faire, weil deutlich niedrigere Steuerbelastung.

Das Interview führte Marion Lisson.

Mehr zum Thema

Neuer Reformvorschlag

Digitaler Tresen soll Notfallreform retten

Neue Testverordnung

PCR-Tests: Details zur Priorisierung kommen nächste Woche

Schlagworte
Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Wolf Günter Riesenkampff

100 Patienten am Tag

Sehr geehrter Herr Kollege,
es ist sehr verständlich, dass Sie aus diesem circulus viciosus ausbrechen wollen. Ich habe das über 30 Jahre mitgemacht und war gefangen zwischen dem Erarbeiten der Praxiskosten und meiner großen Anzahl von Patienten. Meine mitarbeitende Ehefrau sagte immer, der Tag müsste eigentlich 48 Stunden haben.
Wir haben diesen Moloch gesundheitlich und finanziell einigermaßen gut überstanden und sind jetzt in Rente.
Heute kann ich wieder mit Freude Patienten betreuen, ohne den Druck der eigenen Praxis.
Ich werde von vielen Seiten angesprochen, ob ich nicht noch weitere medizinische Arbeit leisten könnte, z. B. in Kurkliniken, bei der Blutspende und den MPU (medizinisch psychologischen Untersuchungen).
Hier sehe ich zunehmend hohen Bedarf an Medizinerinnen und Medizinern.
Der Nachwuchs fehlt und wir Rentner werden immer mehr bedrängt weiter tätig zu sein.
Die Experten der Politik machen uns dafür verantwortlich, dass sie die falsche Richtung vorgegeben haben. Es ist kein Wunder, dass uns unsere besten Köpfe verlassen, denn die Arbeitsvorgaben sind unerträglich.

Die besten Wünsche und viel Erfolg in der Schweiz.
Dr. Riesenkampff


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Der Bundestag diskutiert darüber, ob eine Corona-Impfpflicht eingeführt werden soll. Die Öffentlichkeit spürt sehr wohl, dass die Politik im Nebel stochert.

© Jens Krick / picture alliance / Flashpic

Kommentar zur Corona-Impfpflicht

Die Debatte ist der Anreiz, nicht die Pflicht

Tendenz weiter nach oben: Mit bis zu 400.000 Infektionen durch Omikron pro Tag rechnen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und RKI-Präsident Lothar Wieler (l.).

© Wolfgang Kumm / dpa

Neue Testverordnung

PCR-Tests: Details zur Priorisierung kommen nächste Woche

Blick in den Wartebereich einer Notfallambulanz: Künftig sollen Patienten bereits vorab via Ersteinschätzung in den richtigen Versorgungsbereich vermittelt werden.

© Bernd Settnik / ZB / picture alliance

Neuer Reformvorschlag

Digitaler Tresen soll Notfallreform retten