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Missbrauch

Ärzte im Blindflug

Vom Missbrauchsopfer zum Bürokratieopfer - das deutsche Gesundheitswesen ist nicht auf Kindesmissbrauch vorbereitet, kritisieren Experten. Schlimmer noch: Den Krankenkassen scheinen ihre Regressansprüche wichtiger zu sein als die Opfer.

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Wenn Kinder Missbrauchsopfer werden, beginnt bei den Krankenkassen die Bürokratie.

Wenn Kinder Missbrauchsopfer werden, beginnt bei den Krankenkassen die Bürokratie.

© DanielEnde / fotolia.com

BERLIN (af). Missbrauchsopfer sollen nicht länger als drei Monate auf einen Therapieplatz warten müssen. Das haben Betroffene und Fachleute bei einer Konferenz in Berlin gefordert.

12.000 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern werden jedes Jahr in Deutschland aktenkundig. Die Dunkelziffer ist hoch. Einer Umfrage aus dem Jahr 2011 zufolge hat jeder zehnte Mensch in Deutschland in seiner Kindheit oder Jugend sexuellen Missbrauch erlebt.

Wie es tatsächlich um die ärztliche und therapeutische Versorgung von Missbrauchsopfern steht, ist unklar. "Kindesmissbrauch muss im Gesundheitswesen erkannt, diagnostiziert und dokumentiert werden können", fordert Professor Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm.

Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" sagte er: "Wir befinden uns in Bezug auf schwere Misshandlung und Missbrauch im Blindflug".

Grund seien zum Beispiel sich widersprechende Anordnungen aus den dem Gesundheitsministerium untergeordneten Behörden. Den Kassen warf Fegert vor, ihre Regressansprüche gegen die Täter oft vor das Schutzbedürfnis der Opfer zu stellen.

Dies abzustellen ist eine von sieben Forderungen, die der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, in die politische Diskussion einspeisen will (siehe Kasten).

Sieben Forderungen an die Politiker

So soll die Versorgung von Missbrauchsopfern gestärkt werden:

  • Schnellen Zugang zum Arzt und zur Therapie ermöglichen.
  • Ärzte als Lotsen im System.
  • Abrechenbarkeit von Verdachtsabklärungen.
  • Dokumentation von Missbrauchsfällen ermöglichen.
  • Patientenschutz geht vor Regressanspruch der Kassen.
  • Evidenzbasierte konsentierte Leitlinien für Diagnostik und Behandlung.
  • Praxen und Krankenhäuser sollen Schutzräume für Missbrauchsopfer sein.

Schnelle und spezialisierte Hilfen für die Opfer seien nach wie vor Fehlanzeige, beklagte Rörig zum Auftakt von vier Fachkonferenzen in der Veranstaltungsreihe "Dialog Missbrauch".

Lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz

Es fehlten zum Beispiel Opferambulanzen. Schon einen "Lotsen" durch das System zu finden, scheint schwer zu sein. Betroffene berichteten, dass Hausärzte sich dem Thema oft nicht gewachsen fühlten.

Wenn es passiert ist, stoßen Opfer bei der Suche nach Hilfe auf hohe Hürden. Viele Ärzte kennten sich im Therapie- und Hilfedschungel nicht aus, könnten also auch keine Lotsenfunktion übernehmen, berichtete die Betroffenenvertreterin Maren Ruden.

Bei Kindern und Jugendlichen vergingen oft Jahre, bis sie eine geeignete Therapie bekämen, ist die Erfahrung bei der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK).

Schon auf Erstgespräche müssten sie drei bis vier Monate warten. BPtK-Präsident Professor Rainer Richter forderte, Betroffenen die Möglichkeit einzuräumen, Kostenerstattung in Anspruch zu nehmen, um schneller behandelt werden zu können.

Ein Erstgespräch bedeutet aber noch nicht, einen Therapieplatz sicher zu haben. Bis zu einer geeigneten Therapie kann es Jahre dauern.

Auch dort, wo es keinen Mangel an Ärzten und Therapeuten gibt, können Defizite in der Versorgung von Missbrauchsopfern auftreten. Nicht alle Ärzte und Psychotherapeuten verfügten über die Expertise in Diagnostik und Therapie bei sexuellem Kindesmissbrauch, stellen die Betroffenenvereinigungen fest.

Eine Umfrage der ehemaligen Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs hat noch 2011 ergeben, dass bei 35 Prozent der Psychotherapeuten das Thema in der Ausbildung keine Rolle gespielt hat.

Lesen Sie dazu auch: Misshandlung: Warum die Versorgung einer "Realsatire" gleicht

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