Pflege

Ärztliche Heimbetreuung mit Hand und Fuß

Die AOK Baden-Württemberg und der Hausärzteverband haben eine stringente, qualitätsgesicherte medizinische Heimversorgung vereinbart. Den jüngsten Vorstoß der KBV halten sie für unzureichend.

Von Marion Lisson Veröffentlicht:
Versorgung mit Lücken: Ärztliche Betreuung in Pflegeheimen.

Versorgung mit Lücken: Ärztliche Betreuung in Pflegeheimen.

© Klaro

STUTTGART. Eine bessere Versorgung von Heimbewohnern versprechen sich Hausärzte in Baden-Württemberg von dem neuen AOK-Modellprojekt "Integrierte Versorgung Pflegeheime (IVP)". Das Projekt wurde jetzt von Ärzten, Kasse und Pflegeheimleitungen der Öffentlichkeit vorgestellt.

"Hausärzten wird es wieder möglich, die Bewohner der Pflegeheime regelmäßig zu besuchen", sagte Dr. Berthold Dietsche, Landesvorsitzender des Hausärzteverbands in Baden-Württemberg.

Rund 150 Euro erhält ein Hausarzt nach Angaben von Medi-Chef Dr. Werner Baumgärtner für sechs Visiten je Patient und Quartal. Bei schwer erkrankten Menschen könnte die Summe noch höher liegen.

Die Arbeitsbelastung für Hausärzte, die Menschen in Pflegeheimen versorgen, sei in den vergangenen 25 Jahren außerordentlich gestiegen, betonte Hausärztechef Dietsche.

"Patienten werden in Pflegeheimen beatmet, es werden Ernährungssonden gelegt und Infusionsbehandlungen vorgenommen." Die fachlichen und organisatorischen Anforderungen an Hausärzte seien entsprechend hoch.

Die Vergütungsregelung für Heimbesuche im KV-System - rund 45 Euro pro Patient und Quartal - sei inakzeptabel. Die von der KBV zum 1. April angekündigte bessere Vergütung von Heimbesuchen hält er für nicht ausreichend.

Die Vergütung für den Besuch eines Kranken soll hier von 15,42 auf 21,03 Euro angehoben, für einen weiteren Besuch um knapp drei Euro auf 10,51 Euro erhöht werden.

"Dieses Geld wird jedoch von den Hausärzten selbst aufgebracht; das heißt, von ihrer Gesamtvergütung abgezogen", stellte der Hausärztechef klar. Dietsche zeigte Verständnis für Kollegen, die im Bereich der Heimbetreuung Betreuungsabstriche machen.

Zum regelmäßigen Besuch im Heim verpflichtet






"Wegen des hohen zeitlichen und organisatorischen Aufwands und der in vielen Fällen nicht kostendeckenden Honorierung leidet derzeit die ärztliche Versorgung in Pflegeheimen", bestätigte Christopher Hermann, stellvertretender Vorsitzender der AOK Baden-Württemberg.

In Baden-Württemberg leben derzeit 84.000 Menschen in Pflegeheimen, 43.000 von ihnen sind Versicherte der AOK. Nach Angaben von Hermann hat die AOK in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres rund 140 Millionen Euro für die Krankenhausbehandlung von Pflegeheimbewohnern ausgegeben.

"Fast die Hälfte aller Heimbewohner - nämlich 21 000 - waren 2010 im Krankenhaus", so Hermann. Durchschnittlich habe jeder Krankenhausaufenthalt die Kasse 3500 Euro gekostet.

"Eine Umfrage in den Stuttgarter Pflegeheimen hat ergeben, dass Hausärzte aktuell zu selten ins Heim kommen", sagte Bernhard Schneider, Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung GmbH.

65 Prozent der befragten Pflegefachkräfte gaben hier an, dass der Arzt höchstens einmal im Monat Visite macht. 42 Prozent kritisierten zudem, dass sie Probleme haben, einen Hausarzt zu einem weiteren Besuch zu bewegen.

"Durch die regelmäßigen Hausbesuche der Ärzte im Pflegeheim können künftig viele unnötigen Klinikeinweisungen verhindert werden", zeigte sich Schneider überzeugt.

"Wir werden bei Patienten und Ärzten die Werbetrommeln für das Projekt rühren", kündigte Thilo Naujoks, Geschäftsführer der Städtischen Pflegeheime Esslingen, an. Welcher Arzt wann zu Patienten kommt, soll künftig in einem Besuchsplan festgehalten werden, den die Pflegeheime erstellen werden.

"Eine Einbindung der Fachärzte ist im Übrigen über die Selektivverträge nach Paragraph 73c ebenfalls gewährleistet", erklärte Medi-Chef Baumgärtner. Bis zu 50 Hausärzte betreuten derzeit die Bewohner eines Haues, berichtete Heimleiter Naujoks.

Langfristig streben die Initiatoren des Projekts an, die Anzahl der Ärzte "sanft" zu reduzieren. "Bislang werden bereits 80 Prozent der älteren Menschen in unseren Häusern von 20 Prozent der behandelnden Ärzte betreut", sagte Schneider.

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