These zu angehenden Ärzten

Angst vor der Allgemeinmedizin

Warum lassen sich so wenige junge Ärzte als Hausärzte nieder? Weil sie Angst davor haben, glaubt der Gesundheitsweise Gerlach - und nennt eine weitere Ursache: Es fehlen Vorbilder.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Blutdruckmessen - für angehende Ärzte kein Problem. Doch nach Meinung von Professor Gerlach fürchten viele die Verantwortung, die sie als Hausärzte übernehmen müssten.

Blutdruckmessen - für angehende Ärzte kein Problem. Doch nach Meinung von Professor Gerlach fürchten viele die Verantwortung, die sie als Hausärzte übernehmen müssten.

© Rido / fotolia.com

HANNOVER. Angehende Ärzte fürchten die Allgemeinmedizin. Dieser Überzeugung zeigte sich Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Institutes für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt und Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Viele junge Mediziner haben tatsächlich existenzielle Ängste", so Gerlach. Es ziehe sie deshalb nach dem Studium oft eher in den öffentlichen Dienst als in die Niederlassung, sagte Gerlach am Rande der Veranstaltung "Gesundheitsversorgung vor Ort zukunftsgerecht gestalten" in Hannover.

"Auf die Allgemeinmedizin bezogen fürchten sie die Breite des Faches und die Verantwortung, die sie übernehmen müssen, wenn ein Patient mit unspezifischen Kopf- oder Bauchschmerzen in die Praxis kommt", betonte Gerlach.

Zudem erlebten die jungen Mediziner im Studium zu wenige Vorbilder der Allgemeinmedizin. "Sie erleben stattdessen eine Supramaximalversorgung mit mehr als 80 verschiedenen Spezialisierungen und fast ausschließlich High-Tech-Medizin." D

adurch werde ihnen implizit vermittelt, "dass es vor allem diese Art der Medizin ist, die erstrebenswert ist. Dass die Rollenvorbilder fehlen, stellen wir nicht nur in der Allgemeinmedizin fest, sondern zum Beispiel auch bei konservativ tätigen Augenärzten."

Seminare und Mentoring-Gruppen sollen helfen

Nun habe man in Frankfurt, Heidelberg und Marburg universitär angebundene Kompetenzzentren zur Weiterbildung in der Allgemeinmedizin geschaffen. "Dort können wir solche Ängste abbauen", so Gerlach.

"Wir bieten Seminare und Mentoring-Gruppen, in denen junge Ärzte eine berufliche und auch emotionale Heimat finden und natürlich auch fachlichen Rückhalt", erklärte der Allgemeinmediziner.

"Wir sind sogar schon so weit, dass wir Studierende in die Planung von Gesundheitszentren mit einbeziehen. So können sie früh mitentscheiden, wie einmal ihre Praxis aussehen soll."

Gerlach zeigte sich überzeugt, dass eine gut vermittelte Allgemeinmedizin die Studierenden von dem Fach überzeuge, "weil es sich auf den ganzen Menschen richtet und nicht nur auf ein Organ, eine Krankheit oder eine Untersuchungsmethode".

"In der Allgemeinmedizin erleben die Studierenden keine DRG-getriebene Medizin, wo die Kollegen über die Klinikflure hechten, schlechte Laune haben und die Patienten in 6,3 Tagen durch die Behandlung schleusen müssen", ergänzte er.

Selbstverständlich brauche man Spezialisten. Aber solche Zustände würden von den Studierenden als "seelenlos" wahrgenommen. Die zuwendungsintensive Allgemeinmedizin dagegen, bei denen eine Langzeitbeziehung zu Patienten entsteht, habe "in der Wahrnehmung vieler Studenten inzwischen Top-Noten."

Mehr zum Thema

Neue Ausbildungszahlen

Pflege bleibt überwiegend weiblich

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Nachmittags: das schnelle Telegramm. Am Morgen: Ihr individuell zusammengestellter Themenmix.

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Gesundheitswissenschaftler wie Professor Reinhard Busse von der TU Berlin mahnen exaktere Daten zur Hospitalisierung von COVID-19-Patienten an.

© Stephanie Pilick / springer medizin

Wissenschaft und Politik

Deutschland sucht die neuen Pandemie-Marker

Schützt Sport wirklich das Herz? Das ist in Studien offenbar nicht so einfach nachzuweisen.

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Kritischer Review

Sport schützt das Herz? Nicht in kontrollierten Studien

Kinder und Jugendliche sowie junge Erwachsene bis 24 Jahren weisen in kreisfreien Großstädten die niedrigsten Heuschnupfen-Häufigkeiten auf.

© Kzenon / stock.adobe.com

Immer mehr Allergiker

Wo Heuschnupfen besonders häufig ist