Hintergrund

Brandenburg sauer: Spielt Bahr mit falschen Zahlen?

Warum gegen Ärztemangel vorgehen? Gesundheitsminister Daniel Bahr nennt einen Grund: Wo Ärzte fehlen, wird die Versorgung teuer. Als Beispiel hatte er jüngst Brandenburg zitiert. Dort regt sich Widerstand: Bahr vergleiche Äpfel mit Birnen. Stimmen seine Zahlen überhaupt?

Von Angela Misslbeck Veröffentlicht: 31.08.2011, 05:00 Uhr
Brandenburg sauer: Spielt Bahr mit falschen Zahlen?

Gesundheitsminister Bahr im Deutschlandradio: "Brandenburg hat die höchsten Krankenhauskosten, die höchsten Rettungsdienstkosten und Krankentransportkosten."

© dpa

Brandenburg ist das Bundesland mit der geringsten Arztdichte. Das ist unbestritten. Doch sind deshalb die Kosten in anderen Bereichen des Gesundheitssystems höher?

Das hat zumindest Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) kürzlich behauptet. Er bescheinigt Brandenburg "die höchsten Krankenhauskosten, die höchsten Rettungsdienstkosten und Krankentransportkosten".

Er folgerte daraus, dass die Kosten in anderen Bereichen des Gesundheitswesens steigen, wenn niedergelassene Ärzte vor Ort fehlen.

"Das heißt, ich spare Geld, wenn ich jetzt gegen diesen drohenden Ärztemangel arbeite", so Bahr im Deutschlandradio und ähnlich bei anderen Gelegenheiten.

Werden hier Äpfel mit Birnen verglichen?

Keiner in Brandenburg bestreitet, dass es im Land sehr wenig ambulant tätige Ärzte gibt. Im Bundesdurchschnitt kommen laut KV Brandenburg (KVBB) 681 Einwohner auf einen Vertragsarzt.

Brandenburg ist Schlusslicht mit 807 Einwohnern je Arzt. So weit, so richtig. Allerdings kann keiner nachvollziehen, dass andere Kosten im Land deshalb höher sein sollen.

Das Bundesgesundheitsministerium gab auf Nachfrage an, dass die Ausgaben und Fallzahlen der dortigen Regionalkassen bei Krankenhausbehandlung versichertenbezogen "um rund 80 beziehhungsweise 60 Prozent über dem GKV-Durchschnitt" liegen würden.

Die zugrunde gelegten Daten erhielt die "Ärzte Zeitung" trotz mehrfacher Bitte nicht.

"Bei den Krankentransporten und Rettungsdiensten liegen die dortigen Ausgaben sogar um mehr als 150 Prozent und die Fallzahlen um mehr als 170 Prozent über dem Bundesdurchschnitt", so das BMG weiter.

Stimmt das auch? Egal wo wir nachgefragt haben - die Antwort war immer ähnlich: Der Minister vergleiche Äpfel mit Birnen, sagten recht gelassen die Sprecher mehrerer Krankenkassen.

Empörung legten dagegen die Landeskrankenhausgesellschaft (LKG) und Landesgesundheitsministerin Anita Tack (Die Linke) an den Tag.

Derartige Äußerungen würden "den enormen Anstrengungen der brandenburgischen Leistungserbringer bei der Umstrukturierung des Gesundheitswesens und dem Aufbau moderner Strukturen nicht Rechnung tragen", so Tack in einem Brief an ihren Kollegen auf Bundesebene, der der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Die LKG wehrte sich dagegen, dass Bahr mit seiner Aussage den Krankenhäusern Fehlbelegungen in großer Zahl vorwerfe. "Ich kann nicht erkennen, dass die Krankenhäuser in Brandenburg ambulant zu behandelnde Patienten stationär aufnehmen" , so LKG-Geschäftsführer Jens-Uwe Schreck.

Wie das Brandenburger Gesundheitsministerium verweist auch Schreck darauf, dass Brandenburg nach Fallzahlen und Fallkosten im Bundesvergleich stets einen der letzten Plätze einnehme.

Laut Statistischem Bundesamt betrugen die stationären Krankenhauskosten je Fall im Jahr 2009 im Bundesdurchschnitt 3772 Euro. In Brandenburg waren es 3433 Euro.

Kassen bezeichnen Bahrs These als gewagt

"Wir haben vor allem ein hausärztliches Versorgungsproblem, und die hausärztliche Versorgung wird in der Regel nicht durch Krankenhäuser kompensiert", ergänzt KV-Sprecher Ralf Herre.

Er stimmt dem Minister jedoch im Grundsatz zu. "Prinzipiell ist es natürlich richtig, dass ich mit einer guten, flächendeckenden, wohnortnahen ambulanten Medizin letztlich Kosten spare, da Krankenhausleistungen generell teurer sind", so Herre.

Die Kassen halten diesen Zusammenhang dagegen für "eine gewagte Hypothese", so die AOK Nordost. Nicht nur sie attestiert dem Bundesminister einen "schiefen Vergleich".

Sprecherin Gabriele Rähse: "Ein wesentlicher Grund für die höheren Ausgaben liegt in der Altersstruktur." Nach Angaben der AOK stehen hier Regionaldaten von Versorgerkassen (Durchschnittsalter 55 Jahre) den Bundesdaten für die gesamte GKV (Durchschnittsalter 44 Jahre) gegenüber.

Der Ersatzkassenverband vdek Berlin/Brandenburg sieht ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen geringer Arztdichte und beispielsweise hohen Rettungsdienstkosten.

Im Gegenteil: "Ein Liberaler müsste wissen, dass im Gesundheitswesen Angebot Nachfrage schafft", sagt vdek-Regionalchefin Gabriela Leyh.

Sie fordert Ehrlichkeit statt Zahlenspielchen: "Politik muss den Mut haben, den Menschen zu sagen, dass sich Versorgungsstrukturen verändern werden, da sich Ärzte - ebenso wie andere Berufsgruppen - an der Infrastruktur orientieren", so Leyh.

Auch eine kleinräumige Bedarfsplanung werde nicht die Ärzteschwemme nach Brandenburg tragen. Gefragt sind aus ihrer Sicht eher innovative Versorgungsmodelle, wie Zweigpraxen, Schwester Agnes bis hin zu einer aufsuchenden Arztversorgung.

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