Hippokratischer Eid

Deklaration von Genf kommt in der Gegenwart an

Im hippokratischen Eid sind die moralischen Prinzipien des Arztberufs schon seit 2000 Jahren zusammengefasst. 1948 wurde mit der Deklaration von Genf eine moderne Variante geschaffen. Jetzt wurde sie überarbeitet – mit einem Fokus auf Patienten und Studierende.

Von Hinnerk Feldwisch-Drentrup und Anne Zegelman Veröffentlicht:
Statue des Namensgebers Hippokrates vor der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Statue des Namensgebers Hippokrates vor der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

© C. Schiller / stock.adobe.com

Nein, auf Apollon, Asklepios, Hygieia, Panakeia und alle Götter muss heute kein junger Mediziner mehr seinen Eid ablegen. Mit der Deklaration von Genf hat der Weltärztebund im Jahr 1948 eine modernere Version des hippokratischen Eids geschaffen.

Im Oktober nun wurde der Eid auf der Generalversammlung des Weltärztebundes (WMA) einmal mehr modernisiert. Nach Ansicht des Tübinger Medizinethikers Urban Wiesing handelt es sich um die "wichtigste und umfangreichste Überarbeitung" des Genfer Gelöbnisses.

Der Eid wurde zunächst nur auf Englisch verfasst und befindet sich laut WMA nun zunächst in einer zweijährigen Revisionsphase. Eine der wesentlichen Weiterentwicklungen ist, dass die Autonomie des Patienten in den Eid aufgenommen wurde.

Laut Medizinethiker Wiesing ein längst überfälliger Schritt. Der studierte Arzt und Philosoph berät den Weltärztebund in ethischen Fragen und war auch selbst an der Überarbeitung beteiligt.

Respekt ist keine Einbahnstraße

Die aktualisierte Version, die zunächst nur auf Englisch vorliegt, nimmt ausdrücklich auch die neue Medizinergeneration in den Blick. WMA Präsident Dr. Yoshitake Yokokura sagte, die Überarbeitung sei notwendig geworden, weil sich das Leben eines Arztes heute komplett von dem im Jahr 1948 unterscheide.

In der neuen Fassung geloben Ärzte zum Beispiel, immer die Regeln der guten medizinischen Praxis einzuhalten – und sich auch um ihre eigene Gesundheit zu kümmern, um Medizin nach den höchsten Standards erbringen zu können. "Es gibt gute Belege, dass überarbeitete oder kranke Ärzte in der Gefahr stehen, keine gute Medizin zu praktizieren", so Wiesing.

Vertreter von Medizinstudenten hatten zudem den Vorschlag eingebracht, dass Ärzte anders als bisher nicht nur ihren Lehrern gegenüber die "gebührende Achtung und Dankbarkeit" erweisen sollen. So sollen Mediziner nach der neuen Version nun auch ihren Kollegen und Studenten gegenüber den nötigen Respekt zollen.

Gleichzeitig ruft die neue Fassung zu mehr Transparenz und Kommunikation auf. "Ich werde mein medizinisches Wissen zum Nutzen der Patienten sowie zum Fortschritt des Gesundheitswesens mit anderen teilen", heißt es nun.

Dies stellt beispielsweise eine Aufforderung an Ärzte dar, ihre Patienten angemessen über Diagnosen und Behandlungen zu informieren, oder unliebsame Ergebnisse medizinischer Studien nicht in der Schublade verschwinden zu lassen. Nach Untersuchungen beispielsweise von Transparency International passiert letzteres im Gesundheitsbereich bislang regelmäßig.

Welche Rolle spielt der Eid?

Doch welche Rolle spielt die moderne Fassung des hippokratischen Eids überhaupt? Kürzlich hat Wiesing mit Kollegen eine Untersuchung veröffentlicht, nach der das Genfer Gelöbnis weltweit bislang von nur relativ wenigen Ärzteverbänden genutzt wird, um beispielsweise junge Ärzte für eine verantwortungsvolle Berufsausübung zu sensibilisieren.

"Das Ergebnis ist ernüchternd", sagt Wiesing. Die Nutzung des Gelöbnisses liege bislang weit hinter dem zurück, was es beanspruche.

"Eine Profession kann es sich nicht leisten, in einer globalisierten Welt verschiedene Standards zu verfolgen", betont der Medizinethiker. "Es gibt einen Kernbestand von moralischen Prinzipien, die gelten überall auf der Welt – und diese fasst das Gelöbnis zusammen."

In Deutschland ist das Dokument Bestandteil der Berufsordnungen der Ärzte. Unklar ist, ab wann die 17 deutschen Ärztekammern die neue Version verwenden. "Aktuell liegt kein Zeitplan zu dem weiteren Vorgehen vor", erklärte ein Sprecher der Bundesärztekammer. "Die zuständigen Gremien werden sich jetzt mit dem Thema befassen."

Und auch die Frage, wann eine deutsche Übersetzung publiziert wird, ist noch unklar. Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer Hessen, sagte Anfang dieser Woche in Frankfurt vor Medizinstudierenden, er rechne nicht damit, dass man sich allzuschnell auf eine deutsche Version werde einigen können. (dpa)

Der modernisierte Eid ist auf Englisch abrufbar auf der Seite des Weltärztebundes.

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