Der Standpunkt zur Gender-Medizin

Der kleine Unterschied

Frauen bekommen mehr Psychopharmaka: Diese Ergebnisse einer neuen Studie mögen ihre Gründe haben. Doch allein die schiere Menge verschriebener Substanzen erfordert von Ärzten, ihr Verordnungsverhalten zu überdenken, meint Anno Fricke.

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Der Autor ist Korrespondent im Hauptstadtbüro der Ärzte Zeitung. Schreiben Sie ihm: anno.fricke@springer.com

Epidemiologische Daten zeigen, dass Frauen und Männer von psychischen Störungen in etwa gleich betroffen sind.

Dass Frauen dreimal mehr Psychopharmaka verschrieben bekommen als Männer, wie es der in dieser Woche veröffentlichte Arzneimittelreport der Barmer GEK beschreibt, muss also Ursachen haben, die sich nicht einfach mit der Verteilung dieser Erkrankungen erklären lassen.

Eine davon ist, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Frauen, sagen Wissenschaftler, leiden häufiger an unipolaren Depressionen.

Die Betroffenen kommen traurig und antriebslos in die Arztpraxis, mit ganz offensichtlichen Symptomen also, die eine Indikationsstellung erleichtern. Frauen sind zudem eher bereit als Männer, sich einem Arzt gegenüber zu öffnen und über ihre Sorgen und seelischen Nöte zu sprechen.

Gestresste Männer hingegen halten die starke Fassade aufrecht und werden auch dem Arzt gegenüber nicht schwach. Im Praxisalltag fällt dann nicht immer sofort auf, dass auch dem Mann die Seele schmerzt.

Richtig angewendet sind Arzneimittel mit das effizienteste, was die Heilkunde zu bieten hat. Die schiere Menge an psychoaktiven Substanzen, die Frauen verordnet werden, erfordert von Ärzten aber, ihr Verordnungsverhalten zu überdenken.

Auch die Politik kann etwas für die Frauen tun. Sie kann dafür sorgen, dass die Daten aus klinischen Studien geschlechtsspezifisch ausgewertet werden müssen. Erst seit 2004 werden Frauen bei klinischen Arzneimittelprüfungen überhaupt stärker berücksichtigt.

Das hält die Regierung für ausreichend. Auf eine Anfrage der Grünen im Jahr 2011 antwortete sie, dass es nicht erforderlich sei, die entsprechende Verordnung zu klinischen Arzneimittelstudien anzupassen.

Das reicht nicht. Schließlich gibt es Hinweise, dass Medikamente im weiblichen Körper anders wirken und anders verstoffwechselt werden. Wenn das so ist, brauchen Ärzte und ihre Patientinnen dringend nach Geschlecht differenzierte Therapie- und Dosierungsempfehlungen.

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