Berufspolitik

Ein fester Arzt für den Schulbetrieb

Wie in Betrieben und Unternehmen, sollten auch in Schulen betriebsmedizinische Angebote eingeführt werden, fordern Kinder- und Jugendärzte. Auffällige und gesundheitlich beeinträchtigte Schüler ließen sich so frühzeitig erkennen - und behandeln.

Von Raimund SchmidRaimund Schmid Veröffentlicht:
Ständig unkonzentriert im Unterricht: Ein Fall für dem Schularzt?

Ständig unkonzentriert im Unterricht: Ein Fall für dem Schularzt?

© Foto: imago

Gerade im zunehmend ganztägigen Arbeits- und Lebensraum Schule ist es heute am ehesten möglich, der wachsenden Zahl auffälliger, lernschwacher oder aber gesundheitlich beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher frühzeitig auf die Spur zu kommen.

Einen Haken aber hat die Sache: "Schulärzte sind Mangelware - und Schulsprechstunden von Ärzten sind immer noch die große Ausnahme", erklärt Dr. Ulrike Horacek, Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes im Gesundheitsamt Recklinghausen und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin.

Am Beispiel der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung - kurz ADHS genannt - veranschaulicht die Kinderärztin das Dilemma. So sei es für den Umgang mit ADHS wichtig, speziell bei Lehrern ein Grundverständnis für die Erkrankung zu entwickeln, die mit Konzentrationsproblemen, mangelnder Selbststeuerung und motorischer Überaktivität einhergeht. Um solche Symptome zu erkennen, braucht der Lehrer ärztliche Unterstützung und Beratung. Ansonsten droht das Krankheitsbild im Verborgenen zu bleiben.

Schulsprechstunden von Ärzten sind die große Ausnahme.

Aus dieser Erkenntnis heraus lassen sich Lernbedingungen für an ADHS erkrankte Schüler entwickeln. Wichtig ist dabei, klar strukturierte und vor allem überschaubare Aufgaben im Unterricht zu erhalten. Möglich wird dies beispielsweise in der Grundschule dadurch, ein Aufgabenblatt so zu falten, dass nur die aktuell zu lösende Aufgabe gelesen werden kann.

Auch Schülerinnen und Schüler mit chronischen Krankheiten wie Asthma, Allergien oder Diabetes bedürfen heute besonderer Fürsorge. Ihre Zahl hat im Vergleich zu akuten Erkrankungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Dies gilt auch für eine große Bandbreite psychosomatischer Störungen oder psychischer Auffälligkeiten, wie Erfahrungen mit Schulsprechstunden des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes (KJGD) Münster zeigen. Dort hat sich aber auch herausgestellt, dass 70 Prozent aller Haupt- und Realschüler jeglichen ärztlichen Kontakt aus Scham und Sorge vor Bekanntwerden ihrer gesundheitlichen Probleme meiden.

Daran setzt das Münsteraner Modellprojekt "Ärztliche Sprechstunden im Lebensraum Schule" an. Im Rahmen des Projekts wurden 6 165 Jugendliche an sechs Haupt- und vier Realschulen von Fachärzten zwei Jahre lang in der Schule untersucht. Den Jugendlichen wurde Anonymität zugesagt.

Der Erfolg dieses niedrigschwelligen Angebots stellte sich sehr rasch ein: 23,5 Prozent der untersuchten Schüler willigten ein, sich auf Empfehlung der Schulärzte an einen niedergelassenen Arzt überweisen zu lassen. Ohne die Schulsprechstunde hätten diese 1451 Schüler den Schritt hin zu einem Arzt kaum unternommen.

Ulrike Horacek und die Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin halten es daher für unerlässlich, folgende vier Handlungsschritte möglichst zügig umzusetzen:

  • Einführung von Schul- und Betriebsärzten sowie Schulsprechstunden an allen Schulen - zumindest ab der Sekundarstufe. Bewährt haben sich dabei Modellansätze wie die des Gesundheitsamtes Münster oder das Projekt "Medi-Päds" in Westfalen-Lippe. Dort haben sich Teams aus Ärzten und Lehrern zur Aufgabe gemacht, Gesundheitsbewusstsein zum "Leitbild" in der Schule zu machen.
  • Aufhebung der Vollzugsdefizite, welche die meisten Gesundheitsdienstgesetze der Länder hinterlassen. Ein systematischer und ganzheitlicher Ansatz fehlt vor allem deshalb, weil die Ländergesetze unterschiedlich gestrickt sind und die Schul- und Bildungsträger unterschiedliche Vorstellungen haben. Diese müssen dringend angeglichen werden.
  • Erweiterung des Mandats des häufig nur bei der Einschulung tätigen "Schularztes" hin zu einem dauerhaft anwesenden Betriebsarzt an den Schulen. Dieser berät Lehrer und Schüler über Hygiene und Krankheitsbilder und erstellt regelmäßig Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsverpflegung sowie die Unfall- und Suchtprävention.
  • Um all diese Punkte in der Praxis umzusetzen, muss der "schulärztliche Dienst" in einen strukturell und finanziell tragfähigen "schulbetriebsärztlichen Dienst" umgewandelt werden, so die abschließende Forderung von Sozialpädiaterin Horacek.
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