Wettbewerb

Fortschritt auch für arme Patienten?

Welche Patientengruppen profitieren vom Wettbewerb im Gesundheitswesen? Alte und arme Menschen nicht, sagt Professor Rosenbrock aus Berlin. Er fordert, dieses Problem in den Fokus zu rücken.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Eine alte Frau zählt ihr Geld. Kommt der medizinische Fortschritt auch bei alten Menschen an? Experten bezweifeln das.

Eine alte Frau zählt ihr Geld. Kommt der medizinische Fortschritt auch bei alten Menschen an? Experten bezweifeln das.

© Polka Dot / Thinkstock

ESSEN. Bei allen Versuchen, das Gesundheitswesen zu verbessern und neu auszurichten, muss es um eine Kernfrage gehen: Kommt die Versorgung auch bei armen, alten, multimorbiden allein Lebenden an?

Das forderte Professor Rolf Rosenbrock vom Wissenschaftszentrum Berlin bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention in Essen, die unter dem Motto "Gesundheitsökonomie versus Sozialmedizin" steht.

"Die Gesundheitsökonomen sollten verpflichtet werden, sich das zu fragen", sagte Rosenbrock. Vorschläge, die diesem Kriterium nicht gerecht werden, taugten nichts und müssten verworfen werden, so die klare Position des Sozialwissenschaftlers.

Unter den aktuellen Bedingungen im Gesundheitswesen hätten weder Krankenkassen noch Ärzte oder Krankenhäuser Interesse an Angeboten, von denen diese Patientengruppe profitiert. Das zeige sich zum Beispiel bei der integrierten Versorgung.

Der von vielen Gesundheitsökonomen geforderte stärkere Vertragswettbewerb sei ein Instrument unter anderen, dürfe aber kein Selbstzweck sein, sagte er.

Wettbewerb mache nur dann Sinn, wenn er der Erreichung von Versorgungszielen dient. "Er ist aber ungeeignet als die dominierende Regulierungsmaßnahme."

Wirkung und Nebenwirkung

Grundsätzliche spreche nichts gegen eine Ökonomisierung des Gesundheitswesens, wenn damit die Orientierung der medizinischen und pflegerischen Entscheidungen an Kriterien der Effektivität gemeint sei, sagte Rosenbrock. "Das Problem sind die anderen Formen der Ökonomisierung."

Der Bayreuther Gesundheitsökonom Professor Peter Oberender zeigte sich dagegen der Überzeugung, dass es im Gesundheitswesen noch viel zu wenig wettbewerbliche Strukturen gibt.

Das steht für ihn nicht im Gegensatz zur solidarischen Ausrichtung des Systems. "Markt und Solidarität sind vereinbar, wenn sichergestellt ist, dass die ökonomisch Schwachen die für sie notwendige Gesundheitsversorgung bekommen", sagte er.

Oberender forderte die konsequente Anwendung des Kartell- und des Wettbewerbsrechts im Gesundheitswesen.

Sie würde seiner Ansicht nach dazu beitragen, drei sinnvolle Ziele zu erreichen: eine höhere Transparenz, einer stärkere Ergebnisorientierung der Vergütung und eine Aufhebung der sektoralen Versorgung.

Die Ökonomisierung sei bereits ein deutlich sichtbarer Trend im Gesundheitswesen, sagte Gesundheitsökonom und Tagungspräsident Professor Jürgen Wasem.

Er verwies auf ein Problem, das auch das Spannungsfeld zwischen Sozialmedizin und Ökonomie charakterisiere: "Ökonomische Anreize lösen nicht nur erwünschte Wirkungen, sondern auch Nebenwirkungen aus."

Lesen Sie dazu auch das Interview: Versorgungsmanagement: Treibsatz für mehr Effizienz

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