Berufspolitik

Gabriels Offenbarungseid

Eine Vorlesung zur Gesundheitsökonomie mit SPD-Chef Sigmar Gabriel: Das kann spannend werden, dachten sich Besucher der Uniklinik Köln. Parteifreund Karl Lauterbach verdrückte sich kurz nach der Begrüßung. Ob er ahnte, dass Gabriels Fachwissen eher begrenzt ist?

Von Anja Krüger Veröffentlicht: 18.11.2011, 05:00 Uhr
Gabriels Offenbarungseid

SPD-Mann Gabriel: "Ich bin Abgeordneter und nicht Qualitätssicherer."

© Robert Schlesinger / dpa

KÖLN. Der Hörsaal I der Universitätsklinik Köln ist nicht komplett, aber gut gefüllt. Studenten, wissenschaftlicher Nachwuchs und hochangesehene Ärzte warten geduldig auf den Gast, dessen Auftritt der Höhepunkt der 10. Kölner Ringvorlesung Gesundheitsökonomie ist.

Sigmar Gabriel, der Parteivorsitzende der SPD, kommt wegen eines ausgefallenen Fluges mit erheblicher Verspätung.

Gleich zu Beginn seines Vortrags wartet er mit einer für diesen Kreis überraschenden These auf. "Eigentlich reden wir ja hier über Verbraucherschutz", verkündet er.

Verbraucherschutz. Das klingt nicht nach schützenswerter Arzt-Patienten-Beziehung, nach Gesundheitsversorgung als hohe Aufgabe des Staates. Das klingt nach Aldi und Gewährleistungsfrist. Das hochkarätige Publikum dürfte sich nicht gerade aufgewertet fühlen.

Ein verärgerter Gabriel?

Vielleicht liegt es daran, dass Gabriel sich den ganzen Tag mit der blutigen Anschlagserie der rechtsextremen Zwickauer Zelle beschäftigen musste.

Vielleicht ist er verärgert, weil sein Parteifreund Karl Lauterbach - als beurlaubter Leiter des zur Vorlesung einladenden Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie quasi Gastgeber - sofort nach seiner Einführung den Hörsaal verlassen hat.

Lauterbach muss rasch zur Volkshochschule, um einen weiteren Parteifreund zu präsentieren: und das ist ausgerechnet der Gabriel-Konkurrent Peer Steinbrück.

Einmal quer durch den Garten

Vielleicht aber interessieren Gabriel, den Generalisten, Gesundheitspolitik und ihre lästigen Details einfach auch nicht. Heute jedenfalls ist der sonst so stimmungsstarke Politiker frappierend leidenschaftslos.

Er leiert sich einmal quer durch den gesundheitspolitischen Garten: die Terminvergabe beim Arzt, die Selbstzahlerleistungen, die Annäherung von privater und gesetzlicher Krankenversicherung, die einheitliche Honorierung für Privat- und Kassenpatienten, die Forderung nach Wettbewerb statt Einheitskasse, die Lage der Pfegekräfte.

Es ist nicht so, dass der Parteivorsitzende Ärzten nichts gönnt. "Wer Qualität bringt, muss auch sehr gut verdienen dürfen", sagt er.

Schalter auf Abwehr gestellt

Doch nichts packt Gabriel mit Verve und Begeisterung an, selbst seine Anklagen wirken müde. Wenn die Befürworter der Bürgerversicherung so für ihre Sache eintreten, brauchen sich die Gegner keine Sorgen zu machen.

Nach seinem Vortrag dürfen Zuhörer Fragen stellen. Gabriel ist in Abwehrhaltung. Er ist hier sozusagen am Geburtsort der Bürgerversicherung, Lauterbachs Institut ist der wichtigste wissenschaftliche Promotor des Konzepts.

Das Publikum hat politische Fragen, keine technischen. Doch der Parteivorsitzende fühlt sich für die Einzelheiten der Bürgerversicherung - immerhin Kernstück sozialdemokratischer Gesundheitspolitik - nicht zuständig.

"Ich habe gedacht, Karl Lauterbach hat vorhin alles zur Bürgerversicherung gesagt", wehrt er ab.

Keine Ahnung vom Qualitätmessen

Selten sieht man Politiker, die Zuhörern so offensiv vor den Kopf stoßen wie Gabriel an diesem Abend.

Als der renommierte Onkologe Profesor Michael Hallek von ihm wissen will, wie der Politiker denn Qualität messen will, gibt Gabriel einen gesundheitspolitischen Offenbarungseid ab.

Vor wenigen Minuten hat er noch erklärt, Ärzte, die viel Qualität brächten, müssten auch mehr verdienen. Er habe keine Ahnung wie man Qualität messen solle, sagt er jetzt mürrisch "Ich bin Abgeordneter, ich bin nicht Qualitätssicherer."

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