Krankenkassen

Gesundheitsökonom Jürgen Wasem greift DMP-Förderung an

Die Förderung für Disease Management Programme soll weg, fordert Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.

Veröffentlicht: 17.06.2011, 17:51 Uhr

BERLIN (af). Für einen Wegfall der DMP-Förderung hat sich der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen ausgesprochen.

"Lasst uns den Wettbewerb der Kassen nutzen und sehen, welche Formen von Managed Care sich durchsetzen", sagte Wasem bei einem Seminar der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen (DGIV).

Zuvor hatte die Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin Professor Margarete Landenberger von der Universität Halle-Wittenberg gesagt, dass es keine Belege für medizinische Vorteile durch die Disease Management Programme gebe.

Zum Hintergrund: Die Krankenkassen erhalten aus dem Gesundheitsfond für jeden in ein strukturiertes Behandlungsprogramm eingeschriebenen Versicherten 168 Euro.

Dieses Geld fließt zusätzlich zur Grundpauschale und den Zuschlägen für den höheren Versorgungsbedarf, der bei schwerwiegenden chronischen Krankheiten unterstellt wird. Diese Programmkostenpauschale soll die Kosten für die Dokumentation und Koordination der DMP decken.

Diese Förderung halten Wissenschaftler wie Wasem für eine Verschwendung von Ressourcen, weil seit der Einführung von Gesundheitsfonds und Morbiditätsorientiertem Risikostrukturausgleich im Jahr 2009 die Kassen durch chronisch kranke Versicherte nicht mehr zusätzlich belastet würden.

Derzeit gibt es sechs Indikationen für DMP. Sie zählen alle zu den 80 Krankheiten, für die die Kassen aus dem Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich ohnehin Zuschläge erhalten.

Ein Wegfall der Programmkostenpauschale würde die Kassen rund eine Milliarde Euro im Jahr an Einnahmen kosten. In insgesamt 11.045 aktuell laufenden Programmen sind zur Zeit mehr als 5,8 Millionen Versicherte eingeschrieben.

Die Alternative könnten Modelle von Integrierter Versorgung und die Kombination aus hausarztzentrierter Versorgung und besonderer ambulanter ärztlicher Versorgung nach den Paragrafen 73 b und 73 c des SGB V sein, schlug Wasem vor. Die Teilnahme an Selektivverträgen sollte aber für die Versicherten freiwillig bleiben. Obligatorische Verträge seien der "falsche Weg", sagte Wasem.

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Kommentare
Evert Jan van Lente

Ohne DMP-Programmkostenpauschale gibt es kaum noch Versorgungsmanagement

Seit dem Wegfall der Anschubfinanzierung der integrierten Versorgung, hat sich das Versorgungsmanagement nur noch wenig entwickelt. Die Ursache ist, dass Investitionen in die Versorgung sich erst spät amortisieren und somit ein kurzfristiges Risiko in sich bergen einen Zusatzbeitrag erheben zu müssen. Es fehlt einen Anreiz für längerfristige Investitionen. Solange es dafür noch keine Lösung gibt, sollte man es bei der jetzigen Regelung belassen. Die Verträge nach §§ 140a, 73b oder 73c bauen oft auf die DMPs auf. Eine Abschaffung der Pauschalen würde zu einer Kündigungswelle führen und die Versorgung der chronisch kranken Patienten müsste wieder neu organisiert werden. Es würde im Rahmen von DMP erst mal kein Geld mehr für Ärzte und für Patienten-Schulungen zur Verfügung stehen. E.J. van Lente, AOK-Bundesverband

Prof. Dr. Jürgen Wasem

Kein Einnahmenausfall über alle Kassen

Sie schreiben in Ihrem Artikel zu der Veranstaltung der DGIV, dass das Streichen der DMP-Komponente zu Einnahmeausfällen der Kassen in Höhe von über 1 Mrd. Euro führen würde, da sie dann die 168 Euro pro Eingeschriebenem nicht mehr bekämen. Dies trifft nicht zu. Denn das ist kein zusätzliches Geld, sondern diese Beträge werden entsprechend ursachengerecht in den Zuschlagsgruppen (Alter, Geschlecht, Krankheiten) gekürzt, wo die Eingeschriebenen herkommen. Mit anderen Worten. Würde man die gesonderte DMP-Förderung abschaffen, unterbliebe diese Kürzung der Zuschlagsgruppen, das ausgeschüttete Geld über alle Kassen aber bliebe das Gleiche. Wohl aber käme es natürlich zu einer Umverteilung zwischen den Kassen: Kassen die unterdurchschnittliche viele Versicherte mit DMP-fähigen Erkrankungen in DMPs eingeschrieben haben, wäre Gewinner der Streichung, solche mit überdurchschnittlich vielen Einschreibungen wären Gewinner – über alle Kassen aber wäre es ein Nullsummenspiel.
Der wesentliche Punkt aber ist: Es findet keine administrative Priveligierung dieser spezifischen Versorgungsform statt. Und der erhebliche administrative Aufwand der Akkreditierung von mehreren Tausend Programmen könnte entfallen.
Jürgen Wasem


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