Psychotherapie

Hessens Kammern im Clinch

Die geplante Reform der Psychotherapeutenausbildung lässt seit Jahresbeginn auf Bundesebene Politik, Kammern und Verbände rotieren. Aber auch auf Landesebene wird heftig gerungen – ein exemplarischer Blick auf die Auseinandersetzung in Hessen.

Von Christoph BarkewitzChristoph Barkewitz Veröffentlicht:

WIESBADEN/FRANKFURT. Die Gegensätze könnten größer nicht sein: Während die Psychotherapeutenkammer Hessen (PTK) die geplante Reform der Psychotherapeutenausbildung als „wegweisende Zukunftslösung“ bezeichnet, warnt die Landesärztekammer (LÄK), „das geplante Direktstudium ‚Psychotherapie‘ gefährdet die Patientenversorgung.

Die Scharmützel, die vor der nicht-öffentlichen Verbändeanhörung am Montag um das Vorhaben von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf Bundesebene ausgetragen werden, erfolgen mit ebensolcher Heftigkeit auf kleinerer Ebene im Bundesland Hessen. Spahns Plänen zufolge sollen Universitäten von 2020 an ein Direktstudium der Psychotherapie anbieten, das mit einer staatlichen Prüfung und der Approbation abschließt.

„Ausbildung ersetzt Arzt nicht“

„Auch Patienten, die an psychischen Krankheiten leiden, haben Anspruch auf eine ganzheitliche Behandlung nach Facharztstandard“, sagt LÄK-Präsident Dr. Edgar Pinkowski und pocht damit auf den Vorrang seines Standes.

Den nicht-ärztlichen Psychotherapeuten billigt er lediglich eine assistierende Rolle zu: „Zwar ist unbestritten, dass psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung sinnvoll ergänzen“, so Hessens Ärzte-Chef.

Ihre Ausbildung befähige sie jedoch nicht dazu, ärztliche Psychotherapeuten zu ersetzen, deren Kenntnisse und Kompetenzen auf einem sechsjährigen, naturwissenschaftlich fundierten Studium und einer fünfjährigen Weiterbildung basierten.

„Sogar mehr Kompetenzen“

Dies weist PTK-Präsidentin Dr. Heike Winter strikt zurück – im Gegenteil: „Zukünftige Psychotherapeuten weisen theoretische und praktische Kompetenzen in einem Umfang vor, die weit über den Anforderungen für Mediziner im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie liegen.“

Gleichzeitig spricht sie sich aber auch für eine gedeihliche Zusammenarbeit aus. Die Ausbildungsreform sei in hohem Maße geeignet, eine für die Versorgung der Patienten gewinnbringende Kooperation zwischen Psychotherapeuten und Ärzten zu fördern.

Pinkowski hingegen pocht auf das Prä für die Ärzte. Die psychosomatische-psychotherapeutische Sichtweise sei zentraler Bestandteil ärztlichen Denkens und Handelns, anstatt die Ausübung der Psychotherapie an nicht-ärztliche Therapeuten „auszulagern“‘, müssten Ärzte ausreichend Zeit zur Verfügung haben, um ihre Patienten nach Facharztstandard umfassend betreuen zu können.

Ohne die LÄK namentlich zu nennen, fegt PTK-Präsidentin Winter diese Einwände vom Tisch: „Warnungen von Ärzteorganisationen, der Entwurf aus dem Gesundheitsministerium führt zu einer Gefährdung der Patientinnen und Patienten, entbehren jeder sachlichen Grundlage.“

Ausbildung in Zahlen

3500 Psychologiestudenten gibt es in Hessen an den Universitäten Frankfurt, Gießen, Kassel und Marburg.

1200 Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) werden aktuell in Hessen gezählt.

Dem LÄK-Präsidenten scheint allerdings zu schwanen, dass Spahn sein Reformplan durchsetzen könnte, denn er baut für diesen Fall schon einmal vor: Auf keinen Fall dürften die neuen Absolventen wie derzeit vorgesehen Medikamente verschreiben. Die Verordnung von Psychopharmaka durch „Personen ohne Medizinstudium“ lehne seine Kammer aufs Schärfste ab, so Pinkowski, dies sei nur auf Grundlage eines Medizinstudiums möglich.

Winter schaut auch schon in die Zukunft, hat dabei aber mehr das Finanzielle im Blick. Da die künftigen Psychotherapeuten nach dem Studium über eine Approbation verfügten, könnten sie wie heutzutage auch die Ärzte während ihrer Weiterbildung entsprechend vergütet werden, schlägt die Präsidentin vor.

Und um „Schulgeld“ für Psychotherapeuten zu vermeiden, könnte sich der Gesetzgeber an der Regelung zur ambulanten Weiterbildung bei Hausärzten und grundversorgenden Fachärzten orientieren.

Scheinbar unvereinbare Positionen also vor der Anhörung im Gesundheitsministerium. Während Kammer-Chefin Winter die Reform als „fachlich geboten und überfällig“ bewertet, warnt ihr Gegenpart Pinkowski, „die postgraduale Weiterbildung für psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten muss unbedingt erhalten bleiben“.

Nur so könne verhindert werden, dass die Patientenversorgung in Hessen in zwei unterschiedliche Versorgungsbereiche zerfalle.

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