Vor Parteitag der Grünen

Homöopathie-Streit kocht hoch

Gesundheitspolitikerinnen der Grünen versuchen den Globuli-Gau auf dem Parteitag zu verhindern. Eine Fachkommission soll die Kontroverse entschärfen.

Veröffentlicht: 31.10.2019, 16:07 Uhr
Homöopathie-Streit kocht hoch

Die Debatte über Homöopathie bei den Grünen zieht immer weitere Kreise. Ein Antrag sieht vor, das Thema vor dem Parteitag im November von der Bühne zu holen.

© Jan Woitas / dpa

Berlin. Der Streit um die Homöopathie kocht im Vorfeld des Parteitags der Grünen weiter hoch. Jetzt haben sich prominente Gesundheitspolitiker eingeschaltet. Sie suchen nach Wegen, eine kontroverse Debatte über die Rolle der Homöopathie auf offener Bühne zu verhindern.

Kreisvorstände aus dem ganzen Bundesgebiet haben im Vorfeld des Parteitags Mitte November in Bielefeld konträre Anträge eingebracht. Ungewöhnlich viele Unterstützer erhält dabei ein Antrag, in dem dafür plädiert wird, die „Sonderrechte“ für Homöopathie im Arzneimittelgesetz und im SGB V aufzuheben oder „zumindest kritisch zu überdenken“.

Antragsspirale dreht sich weiter

Andere Kreisverbände warnen vor einem solchen Schritt, der die Grünen zu einer „Verbotspartei für bestimmte Lebenskonzepte“ machen würde. Doch die Antragsspirale dreht sich weiter.

Unter dem Titel „Grüne Gesundheitspolitik – mit Verantwortung und Weitblick in die Zukunft“ wird für 2020 eine „ausgewogen besetzte Fachtagung“ mit Vertretern aus Schul- sowie Komplementärmedizin und Gesundheitspolitik gefordert. Diese soll den Dialog der verschiedenen Akteure „auf Basis wissenschaftlicher und evidenzbasierter Methoden“ fördern – und vom Bundesvorstand der Grünen organisiert werden.

Ein derartig großes Forum für den Glaubensstreit um die Globuli wäre grünen Gesundheitspolitikern dann doch zu heikel. So intervenierte Kordula Schulz-Asche, pflegepolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Bundestag, mit einem Antrag, um das Thema vor dem Parteitag von der Bühne zu holen.

Die zuständige Bundesarbeitsgemeinschaft Gesundheit, Abgeordnete aus Bundestag und Landtagen sowie Experten sollten eine Fachkommission bilden, heißt es in dem Antrag, der unter anderem von der gesundheitspolitischen Sprecherin Maria Klein-Schmeink und ihrer Fraktionskollegin Kirsten Kappert-Gonther unterstützt wird.

„Nicht über Placebo-Effekt hinaus“

Die Fachkommission könnte dann – jenseits der strittigen Frage, ob Homöopathie als Satzungsleistung von den Kassen gezahlt werden soll oder nicht – die ganz großen Fragen aufrufen: den Wissenschaftsbegriff in der Medizin, die evidenzbasierte Medizin und das Verhältnis beider im Kontext der „Integrativen Medizin“.

Vorsichtig wird in dem Antrag versucht, strittige Positionen zu amalgamieren. Homöopathika seien strittig, „weil sie nicht über einen Placebo-Effekt hinauswirken“, doch dies gelte auch für konventionelle Arzneimittel im Leistungskatalog der GKV. Namentlich führen die Antragsteller „die Hälfte der Antidepressiva“ oder „nasenschleimhautabschwellende Mittel bei Kindern“ an.

Indem der Fokus der Debatte hochgezoomt wird, versuchen die grünen Gesundheitspolitikerinnen, dem Homöopathie-Streit die Spitze zu nehmen. Denn auf die im Antrag gefettete Kernfrage wird der Parteitag sicherlich eine Konsens-Antwort parat haben: „Wird unser Gesundheitssystem den Bedürfnissen der gesamten Versichertengemeinschaft gerecht?“ (fst)

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Kommentare
Dr. Hümmer

Es ist natürlich tragisch, dass sogar noch im Grünen-Antrag von Frau Schulz-Asche immer noch die FALSCHAUSSAGE steht:

"Neben homöopathischen Arzneimitteln, die in der Kritik stehen, weil sie nicht über einen Placebo-Effekt hinaus wirken, gibt es auch konventionelle Arzneimittel..."

Diese als WISSENSCHAFTLICH GESICHERT geltende FALSCHAUSSAGE ZUR EVIDENZ DER HOMÖOPATHIE wird nicht einmal mehr von führenden, wissenschaftlich versierten Skeptikern in dieser apodiktischen Weise getätigt:

https://homoeopathiewirkt.wordpress.com/2019/10/12/studienlage-zur-evidenz-der-homoopathie/

Dr. Hümmer antwortete am

@Dr. Wettig
Sehr geehrter Herr Dr. Wettig,
bedauerlicherweise können Sie Wikipedia als Referenz zu wissenschaftlichen Daten der Homöopathie völlig vergessen. Da Wikipedia , was die Homöopathie betrifft, sehr einseitig redigiert wird, wurde bereits eine Petition für eine objektivere Darstellung gestartet, die aktuell schon 39.000 Unterschriften hat.
https://www.change.org/p/wikipedia-call-to-action-to-update-homeopathy-at-wikipedia
Am besten informieren Sie sich also auf einer Webseite, die bestimmt nicht im Verdacht steht, pro Homöopathie zu sein:
https://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Systematische_Reviews_zur_Hom%C3%B6opathie_-_%C3%9Cbersicht
oder eben auf obiger webside
https://homoeopathiewirkt.wordpress.com/2019/10/12/studienlage-zur-evidenz-der-homoopathie/
, in der die INH- Analyse eingebettet ist.

Dr. Wettig antwortete am

Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Hom%C3%B6opathie :

Klinische Studien nach wissenschaftlichen Standards konnten bei der Behandlung von Krankheiten keine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel nachweisen.[16][17][18][19]

Erfolge nach einer Behandlung werden dem Behandlungsumfeld, nicht dem Mittel selbst, zugeschrieben, etwa dem Glauben des Patienten an die Wirksamkeit der Behandlung (Autosuggestion) oder der Qualität der Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten.[20][21][22]

Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwarf die Homöopathie 1992 im Rahmen der „Marburger Erklärung zur Homöopathie“ als „Irrlehre“.[20]

Dr. Wettig

Homöopathie kommt nicht über den Placebo-Effekt hinaus, außer bei niedrigen Potenzen, die ggf. wie Phytotherapeutika wirken können.
Wird jedoch die teils hohe Erwartungshaltung von bei Homöopathie Hilfesuchenden insbesondere durch besondere Zuwendung des Behandlers erfüllt, kann dieser Placebo-Effekt erstaunlich stark ausfallen.
Umgekehrt ist diesen Hilfesuchenden durch die Verschreibung eines chemischen Mittels mit nachgewiesener Wirksamkeit wenig geholfen, weil sie es nicht selten nicht einnehmen werden.
Oder, wenn doch eingenommen, sie nicht selten Nocebo-Effekte erleben werden.


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