Nordrhein

KVen sollen Versorgung mitgestalten

Geld verteilen allein reicht nicht mehr. KVen müssen stärker als bisher die Versorgung mitgestalten. Doch ohne Investitionen wird der Strukturwandel nicht gelingen. Denn die Konkurrenz der Kliniken schläft nicht.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
KVen sollen Versorgung mitgestalten

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DÜSSELDORF. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen sich neu definieren, um die vor ihnen liegenden Herausforderungen zu meistern, glaubt der Vorsitzende der KV Nordrhein (KVNo) Dr. Frank Bergmann. Die Rolle der KVen dürfe sich nicht auf die Verteilung der ausgehandelten Honorare an ihre Mitglieder beschränken. "Unsere Aufgabe muss in Zukunft darin bestehen, Versorgung zu gestalten", sagte Bergmann auf der KVNo-Fachveranstaltung "Reichen die Ressourcen?"

Deshalb müssten die KVen Geld in die Hand nehmen und in neue Strukturen investieren können. Als Beispiel nannte er die Neuorganisation der Notfallversorgung. Der Aufbau einer Zentrale, die Patienten direkt an die richtige Stelle steuert, koste zunächst einmal Geld, ermögliche aber langfristig Einsparungen. Grundsätzlich gibt es nach Einschätzung des KVNo-Chefs genügend Ressourcen im Gesundheitswesen, sie müssten nur anders verteilt werden.

215 offene Hausarztsitze

Gerade angesichts der immer wieder beschworenen Ambulantisierung der Medizin sollten gezielt Mittel dafür verwendet werden, um die Niederlassung für Ärzte wieder attraktiv zu machen. Die Kliniken würden viel tun, um die jungen Kollegen zu halten. "Ist das, was wir den Jungen bieten können, ausreichend?", fragte er.

Die Sorge um den Nachwuchs und die Sicherstellung der Versorgung ist in Nordrhein nicht nur theoretisch. Noch ist nur der Planungsbereich Kaarst mit Hausärzten unterversorgt. Dennoch gibt es rund 215 offene Hausarztsitze, "Tendenz steigend". Bei den Fachärzten sei die Entwicklung ähnlich, nur etwa zeitverzögert, berichtete Bergmann. Während die hausärztliche Versorgung zurzeit auch in der Fläche gewährleistet ist, drohen nach einer Modellrechnung der KVNo bereits 2025 erhebliche regionale Lücken.

Um mehr Ärzte für die Niederlassung zu gewinnen, hält Professor Günter Neubauer vom Münchener Institut für Gesundheitsökonomik eine Verbesserung der Einkommenssituation für notwendig. "Ein Arzt, der sich heute niederlassen will, wird für die Niederlassung nicht adäquat vergütet." Er plädierte für Schritte wie höhere Fallwerte, die Aufhebung oder Reduzierung der Budgetierung nach Versorgungslage sowie die Senkung von Praxiseinstiegshürden, etwa über Kredite bei Praxisübernahmen. "Man muss wissen, wo man hin will, um entsprechende Maßnahmen zu ergreifen", betonte Neubauer. "Da sehe ich im Moment aber keine Strategie."

Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung, (ZI) machte sich für Investitionen in den Strukturwandel der ambulanten und stationären Versorgung stark – mit einem Schwerpunkt auf der Ausschöpfung der ambulanten Potenziale. "Wir brauchen regionale Versorgungsziele, die zwischen den Vertragspartnern vereinbart werden müssen", sagte er. Von Stillfried mahnte auch Änderungen bei der Bedarfsplanung an. Sie müsse stärker regionalisiert und in die Zukunft gerichtet sein, statt sich wie bisher an der Vergangenheit zu orientieren.

Konsens nur bei der Diagnose

Auch Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg, sieht vor allem auf der regionalen Ebene die Chance, die Versorgung neu zu strukturieren. In der Vergangenheit seien auch von Kassenseite die vorhandenen Potenziale vernachlässigt worden, räumte er ein. "Wenn wir engagierte Ärzte getroffen haben, die etwas bewegen wollen, sind wir als Krankenkassen bisher zu wenig darauf eingegangen."

Mohrmann teilt die Einschätzung, dass es ein großes Umverteilungspotenzial von den stationären in den ambulanten Sektor gibt. Die Diagnose sei allen bekannt. Die Umsetzung sei aber angesichts der großen Widerstände gegen Einschnitte im stationären Sektor schwierig. "Das braucht Mut. Man muss zusammenhalten und sagen, wir ziehen es durch", sagte er.

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