Nach Herzinfarkt

Patienten erinnern, Medikamente zu nehmen

Rauchen, Bewegungsmangel und der Abbruch der Medikation sind die größten Risiken für einen zweiten Herzinfarkt. Experten fordern beim Stichwort Therapietreue nicht nur eine stärkere Sensibilisierung von Patienten, sie sehen auch Defizite bei Ärzten.

Von Jonas Tauber Veröffentlicht:
Gut informierte Patientin - eine Basis für Therapietreue.

Gut informierte Patientin - eine Basis für Therapietreue.

© Alexander Raths / fotolia.com

BERLIN. Die Überlebenschancen von Patienten nach einem Herzinfarkt sind in Deutschland in den vergangenen Jahren aufgrund des medizinischen Fortschritts deutlich gestiegen.

Allerdings haben Betroffene ein lebenslanges Folgerisiko. Ärzte und Wissenschaftler forderten auf einer Veranstaltung des Berliner IGES-Instituts deswegen Verbesserungen in der Sekundärprophylaxe.

Der Versorgungswissenschaftler Hans-Holger Bleß vom IGES-Institut machte darauf aufmerksam, dass die medikamentöse Einstellung von Patienten mit Akutem Koronarsyndrom (AKS) im stationären Bereich zwar sehr nahe an den Leitlinien liege, langfristig hielten aber viele Betroffene nicht durch.

"Die Fünf-Jahres-Mortalität liegt bei 20 Prozent, allerdings entfallen 70 bis 90 Prozent davon auf den nichtstationären Bereich", so Bleß.

Neben dem Lebenswandel - Rauchen und Bewegungsmangel gehören zu den wichtigsten Risiken - spielt für die Sekundärprophylaxe eine wichtige Rolle, ob die Medikation durchgehalten wird.

Erinnerung an die Einnahme

Zu den Gründen für die hohe Zahl von Therapieabbrüchen sagte der Versorgungsforscher, viele aus dem Krankenhaus entlassenen AKS-Patienten fühlten sich nicht krank und seien sich der Wirkung der Medikamente nicht bewusst. Bisherige Ansätze zur Verbesserung der Medikamententreue fokussieren laut Bleß auf den Patienten.

Modellversuche hätten gezeigt, dass sich mit Schulungen zur Sensibilisierung von Patienten oder automatischen Sprachnachnachrichten zur Erinnerung an die Medikamenten-Einnahme die Adhärenz um etwa 15 Prozent verbessern lässt, berichtete Bleß.

Allerdings sei laut einer aktuellen Patientenbefragung der Therapieabbruch in den allermeisten Fällen die Folge einer ärztlichen Entscheidung. Bleß präsentierte die Ergebnisse einer Befragung von 2015.

Die Absetzung von ASS führten 83 Prozent auf die Entscheidung des Arztes zurück, bei Betablockern waren es 84 Prozent, bei ACE-Hemmern 81 Prozent, bei ADP-Rezeptor-Antagonisten 89 Prozent und bei Statinen immer noch 52 Prozent.

Nebenwirkungen und eine aus eigener Sicht fehlende Notwendigkeit wurden deutlich seltener als Grund angegeben. "Es ist gut möglich, dass das Ärzte anders sehen würden", sagte Bleß.

"Aber angesichts dieser Zahlen stelle ich mir schon die Frage, ob es richtig ist, ausschließlich auf die Sensibilisierung der Patienten zu fokussieren."

Laut Dr. Franz Goss, Kardiologe im Herzzentrum Alter Hof in München, liegt die mangelhafte Adhärenz nach der Entlassung unter anderem daran, dass viele Patienten ihre Krankheit nicht ausreichend verstehen. Schlechte Noten erteilte Goss in diesem Zusammenhang dem Arztbrief.

"Meine Empfehlung ist, von den Arztbriefen Abschied zu nehmen, die fast schon literarischen Wert haben." Er beklagte auch die mangelhafte Verzahnung zwischen Krankenhaus, niedergelassenem Kardiologen und Hausarzt.

Infobroschüre zur Krankheit

Rund 1000 AKS-Patienten, die kurz vor ihrer Entlassung standen, in 36 Kliniken nahmen teil. Sie erhielten eine Informationsbroschüre zur Krankheit und einen Plan für die ambulante Therapie samt Terminen bei einem von 60 teilnehmenden niedergelassenen Kardiologen für eine Dauer von zwölf Monaten.

Die Befragung der Teilnehmer nach Ablauf des Projekts ergab, dass 98 Prozent mit der Behandlung zufrieden waren, 96 Prozent fühlten sich ausreichend über ihre Krankheit informiert.

Goss warb dafür, den Arztbrief durch einen Entlassungs- und Behandlungsplan zu ersetzen. Dieser müsse klar darüber informieren, dass lebenslange Risiken bestehen und dass die Änderung des Lebensstils sowie die regelmäßige Medikamenten-Einnahme entscheidend sind für einen Therapieerfolg.

Schließlich müsse der Plan mindestens für die ersten zwölf Monate feste Termine für den Besuch beim Kardiologen und klare Angaben zur Medikation enthalten.

Ganz wichtig sei auch, den Patienten diesen Plan unterschreiben zu lassen. "Die regelmäßige Einnahme der Medikamente und die Änderung seines Lebensstils sind die Grundlagen der Therapie", sagte Goss.

"Der Patient muss das bestätigen, er unterschreibt einen Vertrag."

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