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Gegen Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen

Nach Berichten über sexuelle Belästigung beim Ärztetag: Was Kammern und Verbände jetzt anstoßen wollen

Beim Deutschen Ärztetag haben Medizinstudentinnen von sexueller Belästigung während des Kongresses berichtet. Ärztekammern und Verbände zeigen sich betroffen und kündigen nicht nur Konsequenzen für den nächsten Ärztetag an – auch weitere Schritte seien jetzt dringend nötig.

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Ein Monitor beim Ärztetag.

Der Deutsche Ärztetag hatte sich bereits im Vorfeld vorgenommen, sich mit dem Thema Machtmissbrauch im Gesundheitswesen zu befassen. Die berufspolitische Debatte war letztlich aber auch durch einen aktuellen Anlass geprägt: Teilnehmerinnen des Ärztetags berichteten über herabwürdigende Äußerungen und sexuelle Belästigungen.

© Julian Stratenschulte/dpa

Hannover. Beim 130. Deutschen Ärztetag soll es nach Angaben von Teilnehmerinnen zu sexueller Belästigung gekommen sein. Nach Angaben der Ärztekammer Niedersachsen hatte eine Gruppe von Medizinstudierenden am Freitag in einer Rede von übergriffigem Verhalten vor Ort berichtet – von Kommentaren über ihr Äußeres, ihre Ausschnitte, von Händen auf Gesäß und Rücken, Einladungen auf Hotelzimmer und sexistischen Gesprächssituationen.

Die Bundesärztekammer (BÄK) bestätigte die Angaben. „Es ist richtig, dass gestern Medizinstudentinnen auf dem Ärztetag von übergriffigem Verhalten berichtet haben“, teilte die Kammer auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Samstag mit. Auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) bestätigte die Geschehnisse. Die Studentinnen gehörten der bvmd-Delegation an.

Studentinnen: Das ist kein Einzelfall

Zuvor hatte das „Deutsche Ärzteblatt“ über die Vorwürfe berichtet und auch die gesamte Erklärung der Studierenden veröffentlicht. Demnach wollten die fünf Studentinnen mit ihrem Vortrag darauf hinweisen, dass es sich um ein „systemisches Problem“ handle. Die von ihnen geschilderten Belästigungen, die „exakt so passiert“ seien, seien keine Einzelfälle. Vom Publikum erhielten die Studentinnen laut „Ärzteblatt“ nach ihrer Rede Applaus.

Laut Bundesärztekammer folgte „eine intensive Debatte auf dem Ärztetag über Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen im Gesundheitswesen“. Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt habe unmissverständlich klargestellt, dass Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt – ob verbal oder körperlich – den Werten des ärztlichen Berufs fundamental widersprechen. Ein solcher Umgang sei „nicht nur respektlos, sondern absolut inakzeptabel“, zitiert die BÄK ihren Präsidenten.

Mit „Berufsethos nicht vereinbar“

Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Marion Charlotte Renneberg, zeigte sich betroffen und entsetzt. „Die Schilderungen der Kolleginnen und Studentinnen haben mich tief erschüttert und sprachlos gemacht“, sagte sie laut Mitteilung. „Es ist absolut inakzeptabel, dass Frauen derart in ihrer Würde verletzt werden, indem man sie auf ihr Äußeres reduziert. Wir können sexuelle Belästigungen und gar körperliche Übergriffe nicht tolerieren. Solch ein Verhalten ist mit dem ärztlichen Berufsethos nicht vereinbar.“

Laut Ärztekammer Niedersachsen sollen Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung Kernthema des Ärztetags 2027 werden.

Die Bundesärztekammer kündigte an, dass sich ihr Vorstand der Problematik stelle und klare Compliance-Vorgaben sowie umfassende Schutzkonzepte entwickeln werde.

Thema zahlreicher Ärztetags-Debatten – weitere Schritte nötig

Die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern betonte am Samstag in einer Mitteilung, dass die Entscheidung, das Thema als Leitthema für den nächsten Ärztetag zu setzen, den Willen der Ärzteschaft zu nachhaltigen Lösungen unterstreiche – „von Präventionsmaßnahmen über klare Meldewege bis hin zu einer Kultur des Hinsehens und Handelns“.

Die Kammer erinnert, dass die Beschäftigung mit Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt bereits in den vergangenen Jahren immer wieder Gegestand von Debatten beim Ärztetag gewesen sei. Es seien jedoch eindeutig weitere Schritte und Maßnahmen notwendig. Die Kammer verweist außerdem auf ihre Ombudsstelle, die bereits jetzt eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Betroffene im Gesundheitswesen darstelle.

Besonderes Augenmerk auf Weiterbildung

Weitere Institutionen und Verbände zeigten sich betroffen und forderten „entschlossenes Handeln“ sowie „null Toleranz“: In einer gemeinsamen Mitteilung positionierten sich so der Hausärztinnen- und Hausärzteverband und der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzt*innen. „Es reicht nicht, bei gemeinsamen Solidaritätsbekundungen stehenzubleiben. Man muss genau dorthin schauen, wo Übergriffe stattfinden, Strukturen kritisch prüfen und notwendige Veränderungen einleiten – das gilt für den Deutschen Ärztetag wie auch für alle anderen Bereiche in unserer Gesellschaft“, hieß es in dem Statement.

Der Ärztetag hatte sich bereits zuvor vorgenommen, sich mit dem Thema Machtmissbrauch und dem Schutz vor Grenzüberschreitungen im Gesundheitswesen zu befassen. In diesem Zusammenhang sei dann auch in der Debatte die Notwendigkeit thematisiert worden, dass die Selbstverwaltung Maßnahmen „zur Prävention, Erkennung und Sanktionierung von Machtmissbrauch im ärztlichen Arbeitsumfeld“ entwickeln und umsetzen müsse, so die Bundesärztekammer.

Insbesondere im Rahmen der ärztlichen Weiterbildung müssten „transparente, standardisierte und überprüfbare Strukturen“ geschaffen werden, „die Abhängigkeiten reduzieren und die Rechte von Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung stärken“. Darüber hinaus sollen demnach Themen wie Machtmissbrauch und Diskriminierung verbindlich in die ärztliche Fortbildung integriert werden.

Umfrage des Marburger Bundes zu Machtmissbrauch

Auch der Marburger Bund hatte sich in seiner Hauptversammlung bereits deutlich für umfassende Maßnahmen gegen Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung in Kliniken ausgesprochen. Grundlage war eine Mitgliederbefragung aus den Monaten Februar/März, an der sich rund 9.000 MB-Mitglieder beteiligt hatten. Rund die Hälfte (49 Prozent) gab in der Umfrage an, in den vergangenen 12 Monaten persönlich „Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt“ zu haben. „Die Ergebnisse der Mitgliederbefragung sind beschämend für ein System, das auf Vertrauen angewiesen ist“, heißt es laut MB-Mitteilung im Beschluss der Hauptversammlung.

Krankenhäuser müssten gemeinsam mit ihren Beschäftigten Leitbilder entwickeln, die ein klares Bekenntnis zum Schutz der Mitarbeitenden enthalten und eine Kultur schaffen, in der Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung nicht toleriert werden. Meldungen durch Betroffene und Zeugen müssten ausdrücklich erwünscht sein, so die Forderung des Marburger Bundes. Und weiter: Wichtig seien in Zukunft „diskriminierungsfreie und transparente Nachbesetzungsverfahren für ärztliche Führungspositionen“. Dabei sollten „Auswahlverfahren etabliert werden, die neben der fachlichen Eignung auch persönliche und soziale Kompetenzen berücksichtigen“. (dpa/heib)

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