Ausländische Fachkräfte gesucht

Pflege - die beste Form der Integration?

Junge Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, sind für den Gesundheitssektor interessant. Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, ist Zuwanderung in den Augen einiger Experten längst zur einzigen Option geworden.

Von Katrin Berkenkopf Veröffentlicht:

Jahrzehntelang war Elisabeth Grohmann Lehrerin und Dozentin, deshalb muss es jetzt aus ihr heraus. „So ist das nicht richtig“, sagt sie freundlich, aber bestimmt zu Amer Kabara und lächelt ihn an.

Der Syrer hat einer 85-jährigen Bewohnerin der Seniorenresidenz Curanum in Düsseldorf gerade mit großer Sorgfalt und Konzentration die Manschette des Blutdruckmessgerätes angelegt.

Er ist 34 Jahre alt und hat in seiner alten Heimat Wirtschaft studiert. Jetzt will er Altenpfleger werden, als Teilnehmer des Projektes „Care for Integration“. Kabara und seine Mitstreiter sollen eine berufliche Perspektive in Deutschland erhalten – und gleichzeitig die Personalnot in der Pflege lindern helfen.

Eine Win-Win-Situation

Das Projekt ist 2016 an der Akademie für Pflegeberufe und Management gestartet. Mittlerweile gibt es mehr als 90 Teilnehmer. Das Projekt biete Flüchtlingen eine Lebensperspektive in Deutschland und den teilnehmenden Pflegeeinrichtungen die Möglichkeit, im Gegenzug motivierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Zukunft zu gewinnen., heißt es auf der Webseite.

Innerhalb von 30 Monaten sollen sie die notwendigen Sprachkenntnisse erhalten, die Ausbildung zum Altenpflegehelfer absolvieren – und ihren Hauptschulabschluss ablegen.

Das war zuerst gar nicht vorgesehen, erklärt Projektleiterin Sina Yumi Wagner. Aber viele der jungen Menschen können keinen in Deutschland anerkennbaren Schulabschluss vorweisen. Wer die ersten beiden Phasen erfolgreich durchlaufen hat, kann anschließend die Ausbildung zur Pflegefachkraft anhängen.

„Es wird nicht leicht“

Das will auch Amer Kabara. „Es wird nicht leicht. Ich muss viel Deutsch lernen, aber das werde ich schaffen“, ist er optimistisch.

Vor Projektbeginn allerdings war Altenpflege als Beruf vielen Geflüchteten gar nicht bekannt. Denn in ihren Herkunftsländern werden die alten Menschen traditionell von der Familie versorgt.

„Wir haben also erklärt, warum Altenpflege in Deutschland so organisiert ist und dass es sehr professionell abläuft und nicht nur um Waschen geht“, erklärt Wagner.

Auch Elahi Temori aus Afghanistan musste erst lernen, warum Familien in Deutschland ihre Eltern oder Großeltern oft nicht alleine versorgen können. Die 24-Jährige liebt ihren neuen

Beruf. „Es ist wie eine Krankenschwester, und das wollte ich schon als Kind machen.“ Nachdem ihr Vater, ein Polizist, getötet worden war, floh sie mit Mutter und drei jüngeren Geschwistern aus Afghanistan. Seit zweieinhalb Jahren ist sie in Deutschland. Bis 2020 läuft ihre Aufenthaltserlaubnis derzeit, und trotz ihrer beruflichen Integration ist die Angst vor Abschiebung bei ihr allgegenwärtig.

Die Problematik Abschiebung hole immer wieder Teilnehmer ein, erklärt Projektleiterin Wagner. Auch einige der angehenden Pflegehelfer erhielten bereits Ausreisebescheide. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Behörden sei es bislang aber gelungen, dass niemand abgeschoben wurde.

Kaum Vorbehalte

Ein anderes Problem dagegen trete in der Praxis kaum in Erscheinung, behaupten die Verantwortlichen: Vorbehalte und Feindlichkeiten gegenüber den ausländischen Pflegern.

„Wenn ein Dunkelhäutiger die eigene Mutter versorgt hat, dann gibt es keine Fremdenfeindlichkeit mehr“, meint Hans-Peter Knips, Landesbeauftragter des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste. „Das ist die beste Form der Integration.“

2017 gab es in der Kranken- und Altenpflege bereits 35.000 offene Stellen. In 15 Jahren könnten mehr als 300.000 Arbeitskräfte in Gesundheitsberufen fehlen.

Bislang gibt es in diesem Bereich unterdurchschnittlich viele Erwerbstätige ohne deutsche Staatsangehörigkeit, das liegt an den erforderlichen Sprachkenntnissen, so Tobias Maier, Arbeitsmarktforscher am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Doppelt so viele ausländische Ärzte

Bei Ärzten geht das BIBB bis 2035 nicht von einem Mangel aus – allerdings nur aufgrund von Zuwanderung. Aktuell arbeiten rund 45.000 ausländische Ärzte in Deutschland, diese Zahl ist seit 2013 um fast 50 Prozent gestiegen.

Der Anteil an allen Ärzten liegt im Bundesdurchschnitt damit bei 11,8 Prozent. Zwischen den einzelnen Bundesländern sind die Unterschiede allerdings groß: In Hamburg liegt der Anteil nur bei 5,5 Prozent, im Saarland dagegen bei 17,5 Prozent.

„Im Moment ist Zuwanderung die einzige Option“, sagt Maike Tölle, stellvertretende Personalleiterin der katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge.

Die Gründe sind bei Medizin und Pflege unterschiedlich: „In der Pflege gibt es tatsächlich zu wenig Interesse, bei Ärzten ist es der Studienplatzmangel“, erklärt Jürgen Herdt von der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Koordinator der landesweiten Arbeitsgruppe „Ausländische Ärztinnen und Ärzte“. Im Ausland gebe es dagegen zwar genügend Studienplätze in Medizin, dafür sei die Weiterbildung der Engpass und damit häufig Auslöser für einen beruflichen Neustart in Deutschland.

Tölle könnte ihren Personalbedarf schon lange nicht mehr ohne ausländische Ärzte decken – im St. Ansgar-Krankenhaus im ostwestfälischen Höxter liegt der Anteil junger Assistenzärzte ohne deutschen Pass mittlerweile bei mehr als 80 Prozent.

In Westfalen-Lippe liegt der Kreis Höxter damit an der Spitze. Im ebenfalls ländlichen Coesfeld beträgt der Anteil zugewanderter Assistenzärzte dagegen nur gut 10 Prozent.

Der Krankenhausträger hat bereits vor neun Jahren ein in Deutschland bislang einmaliges internes Integrationsprojekt für jährlich bis zu 15 zugewanderte Mediziner aufgelegt.

Voraussetzung für die Teilnahme sind zwei Jahre Berufserfahrung im Heimatland, die Zustimmung eines Chefarztes und ein Sprachniveau von B2, das während des Projektes auf C1-Niveau steigen soll.

Der Erfolg: Wer im Internet nach Arbeitsmöglichkeiten als Mediziner in Deutschland sucht, findet Höxter unter den ersten Treffern. Pro Jahr erhält Tölle deshalb mittlerweile rund 1200 Bewerbungen aus dem Ausland. Kürzlich hat die Klinik ihre erste Ärztin aus Mexiko eingestellt.

„Deutschland ist oft arrogant“

Der Mediendienst Integration

,Ein Projekt des Rates für Migration, hat eine Pressetour zum Thema „Ärztemangel und Pflegenotstand: Ist Zuwanderung die Lösung?“ organisiert.

Dabei ging es sowohl um den Aspekt der beruflichen Integration junger Geflüchteter wie auch um die Arbeitsmigration in medizinische und pflegerische Berufe.

„Die ausländischen Kollegen sind gut für uns“, sagt auch Melanie Albrecht, Pflegedirektorin im Lukaskrankenhaus im rheinischen Neuss. „Deutschland ist oft so arrogant, dabei sind wir in manchen Bereichen der Ausbildung weit zurück.“

Manchmal schäme sie sich, wenn sie sehe, wie lange ihre hoch qualifizierten ausländischen Mitarbeiter hier um ihre Anerkennung kämpfen müssten. Albrecht ist besonders in Italien aktiv, nach zahlreichen Pflegekräften und Hebammen hat sie gerade den ersten italienischen Mediziner eingestellt.

Experte Herdt von der Ärztekammer Westfalen-Lippe warnt allerdings vor der Sprachproblematik. Solange ausländische Ärzte ein Einzelfall waren, hätten die Kollegen fehlende Sprachkenntnisse auffangen können. „Aber das funktioniert heute nicht mehr.“

Gerade wenn viele Kollegen mit unterschiedlichen Muttersprachen zusammenarbeiten, müsse man sicherstellen, dass sich das Sprachniveau für alle weiter verbessere. Ein besonderes Problem dabei seien dubiose Vermittlungsagenturen und Sprachzertifikate unseriöser Anbieter.

Westfalen-Lippe hat mit 17,4 Prozent nach dem Saarland den zweithöchsten Anteil ausländischer Ärzte. Und die Zahl der Bewerber steigt weiter im zweistelligen Prozentbereich. Für Herdt ist das ein Zeichen dafür, dass das Verfahren zur Erlangung der Approbation eben doch machbar und nicht zu komplex ist. Auch Kritik an der Dauer will er nicht gelten lassen. „Wenn Sie sich heute melden, können Sie bei uns noch im November einen Termin für die Sprachprüfung bekommen.“

Eine gute Portion Realismus

Gründlichkeit gehe aber grundsätzlich vor Schnelligkeit, zumal der allergrößte Teil der Bewerber wenig bis gar keine Berufserfahrung im Heimatland gesammelt habe. Herdt kritisiert, dass es keine Möglichkeit gebe, Bewerbern mit unzureichender Qualifikation eine endgültige Absage zu erteilen. „Ihnen fehlen die Voraussetzungen, sie kommen aber immer wieder.“ Die betroffene Gruppe mache aber nur einen einstelligen Prozentanteil an den Gesamtbewerbern aus.

Ausländische Ärzte und ihre potenziellen Arbeitgeber müssten von Beginn an mit dem nötigen Realismus an die Sache herangehen, rät Herdt. Nachhaltige Modelle wie das in Höxter gäben beiden Seiten Planungssicherheit. „So bindet man die Arbeitskräfte dann auch langfristig und verringert die Fluktuation.“

Bislang hat sich die Zuwanderung auf den stationären Bereich konzentriert. Die Kammer in Westfalen-Lippe hat jetzt damit begonnen, unter ausländischen Ärzten Werbung für die Arbeit im ambulanten Sektor zu machen.

Im Sommer gab es eine Informationsveranstaltung in Paderborn für Mediziner, die bereits seit einigen Jahren in der Region leben und arbeiten und ihre Weiterbildung zum Großteil abgeschlossen haben. Der Erfolg: Zum Januar gibt es die erste Praxisübernahme.

Am 27. November veranstaltet das Bundesgesundheitsministerium in Berlin die Fachtagung „Zuwanderung als Patentlösung für die Fachkräftesicherung im deutschen Gesundheitswesen?“. Nähere Informationen unter: www.work-in-health.de

Lesen Sie dazu auch: Klinik setzt auf Personal-Akquise im Ausland: „In Italien gibt es zu wenig Weiterbildung“

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