"Steilvorlage für unsere Hausarztverträge"

Gehen die Deutschen zu oft zum Arzt? Die Zahlen aus dem Arzt-Report der Barmer GEK lassen viele Interpretationsmöglichkeiten zu.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:

KÖLN. Der "Arztreport 2010" der Barmer GEK ist auf unterschiedliche Resonanz gestoßen. Der Hausärzteverband sieht darin einen Beleg für die Hausarztverträge nach Paragraf 73b, andere warnen vor voreiligen Schlüssen.

Nach dem Bericht gingen die Versicherten 2008 im Durchschnitt 18,1 Mal zum Arzt, der durchschnittliche Arzt-Patienten-Kontakt betrug lediglich acht Minuten (wir berichteten).

"Diese Zahlen sind eine Steilvorlage für unsere Hausarztverträge", sagt der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt. Das deutsche Gesundheitssystem brauche mehr sinnvolle Steuerung durch den Hausarzt. "Wenn wir die Kontaktzahlen durch Einschreibungen der Patienten in die Hausarztverträge verringern und die Kontaktzeit erhöhen, verbessern wir die Qualität der ambulanten Versorgung in Deutschland", so Weigeldt.

Auf heftige Kritik des Hartmannbundes (HB) stößt die Äußerung des Gesundheitsexperten des Verbraucherzentrale Bundesverbands Dr. Stefan Etgeton, die hohe Kontaktfrequenz könne daran liegen, dass Ärzte die Patienten zu häufig einbestellten. Das sei "plumpe Polemik", gerade angesichts der niedrigen Bemessung der Regelleistungsvolumina, sagt der HB-Vorsitzende Dr. Kuno Winn.

"Das Honorar pro Behandlung sinkt mit jedem Arztbesuch", sagt auch Dr. Peter Potthoff, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

Dabei geht es Etgeton nicht um Arztschelte. "Man muss aber nach den systembedingten Gründen suchen, warum Patienten in Deutschland so häufig zum Arzt gehen", sagt er. Es sei zu einfach, den Patienten falsches Inanspruchnahmeverhalten vorzuwerfen. Ein Faktor könne sein, dass Ärzte Patienten regelmäßig jedes Quartal einbestellen. Hinzu komme, dass die Mediziner keine längerfristigen Rezepte ausstellen können, so Etgeton.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kann dem Arztreport Positives abgewinnen. "Wir begrüßen die Feststellung der Kasse, dass wir eine sehr gute Versorgung in Deutschland haben", sagt KBV-Sprecher Dr. Roland Stahl. Das Gesundheitswesen in Deutschland mit dem flächendeckenden Zugang zu niedergelassenen Ärzten sei einmalig in der Welt, die Zahl der Arztbesuche deshalb nicht einfach anderen Ländern zu vergleichen, sagt Stahl. "Die Zahlen sind kein Beleg dafür, dass die Menschen zu häufig zum Arzt gehen."

Der Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland Hamburg Wilfried Jacobs warnt vor einer Überinterpretation der Zahlen. Die 18,1 Arztkontakte seien nicht mehr als ein statistisches Ergebnis und offen für Bewertungen. "Ich werde mich davor hüten zu sagen, das ist zu viel oder zu wenig."

Die Zahlen könnten aber ein Hinweis sein, dass Patienten häufig von einer zur anderen Facharztgruppe weitergereicht werden. "Das könnte möglicherweise durch eine bessere Vernetzung vermieden werden", sagt Jacobs.

Lesen Sie dazu auch: Kasse beklagt "Arztrennerei" der Deutschen Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Ein Arztreport und viele Fragen

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