Deutschland hinkt hinterher

Versorgungsforschung - ein Marathonlauf

Es reicht nicht, das Mauerblümchen-Dasein der Versorgungsforschung zu beklagen. Bei einem Kongress der Zunft in Berlin hieß es, dass neue Formen der Kooperation und des Dialogs mit Fachgruppen nötig seien.

Von Susanne Werner Veröffentlicht: 24.10.2013, 17:37 Uhr

BERLIN. Die Versorgungsforschung in Deutschland soll eine "Navigationshilfe im Gesundheitswesen" werden und deren Vertreter sollten künftig Politiker intensiver beraten.

Dieses Ziel zeichnete Edmund Neugebauer, Professor an der Universität Witten/Herdecke, zum Auftakt des Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung am Dienstag in Berlin.

Die Versorgungsforschung in Deutschland hinkt, so Neugebauer, weit den Aktivitäten in anderen Ländern hinter. In den USA seien die Wissenschaftler etwa 50 Jahre voraus.

Der Vorsitzende des Deutschen Netzwerkes für Versorgungsforschung plädierte dafür, sich zum einen intensiver mit der Aufbereitung vorliegender Daten zu beschäftigen, zum anderen mehr randomisierte, kontrollierte Studien auf den Weg zu bringen.

Ungenutzter Datenpool

Schließlich verfüge das deutsche Gesundheitswesen bereits über einige Zahlen und Instrumente, die kaum genutzt werden. Beispielsweise die Abrechnungsdaten der Krankenkassen.

"Der Datenpool der Kassen ist nicht transparent und nicht mit anderen Erhebungen verknüpft. Für eine Bewertung aus Sicht der Versorgungsforschung ist er daher nicht nutzbar", kritisierte Neugebauer.

Professor Karsten E. Dreinhöfer, Vizepräsident des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie und - wie Neugebauer - Kongresspräsident der Tagung, sieht die zentrale Aufgabe der Versorgungsforschung darin, "die Realität mit Zahlen zu füllen".

Die Gefahr der Unterversorgung ist aus seiner Sicht aus dem Blick geraten: "Es gibt Menschen, die finden gar keinen Zugang zu einem Arzt oder einer Klinik." Das Leitthema des Kongresses lautete denn auch: "Erfolge evaluieren - am Patienten orientieren".

Als Beispiel für intensivere Forschung nannte Professor Dreinhöfer die Endoprothetik. Der weitgehend komplikationslose Einsatz von künstlichen Hüft- und Kniegelenken sei eine der größten Erfolgsgeschichten der Medizin und sorge dennoch für Debatten. S

chließlich liegen die Operationszahlen hierzulande weit über denen in europäischen Nachbarländern.

Keine Kriterien für Qualität

Ist dies nun ein Beleg für ein funktionierendes Gesundheitssystem, das den Versicherten einen Zugang zu etablierten Verfahren ermöglicht? Oder ist es eher ein Signal, dass die finanziellen Anreize falsch gesetzt sind und die Diagnosen in die Höhe schnellen lassen?

Dreinhöfer: "Bislang fehlen die Kriterien, um die Qualität zu benennen. Klar ist nur: Nicht alle Patienten, die einen Gelenkersatz brauchen, bekommen einen und nicht alle Patienten, die einen erhalten, sind damit glücklich."

Um den Fragen nach der Qualität auf den Grund zu gehen, sind geeignete Instrumente und Daten gleichermaßen wichtig wie neue Formen der Zusammenarbeit und des Dialoges. Die Versorgungsforscher tagen daher immer gemeinsam mit anderen Fachgruppen - in diesem Jahr erstmals mit den Orthopäden und Unfallchirurgen.

Deren DKOU-Kongress (Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie) wurde am Dienstag am gleichen Ort eröffnet. Mehrere Instrumente der Qualitätssicherung wurden in der Orthopädie und Unfallchirurgie inzwischen aufgebaut.

Zum Beispiel das Endoprothesenregister (EPRD). 2010 gegründet, befindet es sich derzeit in der Einführungsphase. 40 Kliniken speisen ihre Daten bereits ein, 40 Einrichtungen bereiten sich auf den Einstieg vor und weitere 150 wollen im nächsten Jahr dabei sein.

Ziel des Registers ist es, erneute Operationen, bei denen ein Gelenkersatz frühzeitig ausgetauscht werden muss, zu erfassen und die Gründe dafür zu ermitteln.

Traumaregister seit 1993

Zum Beispiel das Traumaregister. Es dokumentiert bereits seit 1993, wie Schwerstverletzte hierzulande behandelt und versorgt werden.

Verbesserte Kommunikation, gemeinsame Standards sowie eine intensivere Kooperation der Traumazentren führten dazu, dass die Sterberate der Schwerstverletzten von etwa 22 Prozent in den 90er Jahren auf zehn Prozent im vergangenen Jahr gesunken ist.

"Diese Register bieten für uns Versorgungsforscher eine unglaubliche Menge an Daten", erklärte Dr. Dirk Stengel, Leiter des Zentrums für klinische Forschung am Unfallkrankenhaus Berlin und dritter Kongresspräsident.

"Das Gesundheitssystem", so Stengel, "ist wie ein Marathonlauf. Wie ein Läufer will auch der Versorgungsforscher wissen, welche Initiativen nützlich sind, um sicher das Ziel zu erreichen."

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