Banken verleiten Anleger wieder zum Zocken mit Zertifikaten

Ein Jahr nach der Lehman-Pleite schnellt der Absatz riskanter Zertifikate wieder in die Höhe. Der Verkauf läuft teilweise unter falscher Flagge.

Von Richard Haimann Veröffentlicht:
Rendite im zweistelligen Prozentbereich oder Totalverlust: Bei Zertifikaten ist sowohl das eine wie das andere möglich.

Rendite im zweistelligen Prozentbereich oder Totalverlust: Bei Zertifikaten ist sowohl das eine wie das andere möglich.

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Ärzte, Apotheker, Ingenieure, Lehrer, Hochschulprofessoren - als vor einem Jahr die Investmentbank Lehman Brother's Pleite ging, erlitten in Deutschland rund 50 000 Anleger zusammen einen Verlust von mehr als einer Milliarde Euro. Sie alle hatten Zertifikate der US-Investmentbank erworben. Durch die Insolvenz waren die Papiere wertlos geworden.

Erst mit der Lehman-Pleite wurde offensichtlich, wovor Anlegerschützer seit Jahren warnen: "Zertifikate sind Schuldverschreibungen gepaart mit riskanten Wetten auf die Entwicklung von Aktien- oder Rohstoffkursen, bei denen Anlegern der Totalverlust ihres eingesetzten Kapitals droht", sagt Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Selbst Papiere mit einer so genannten Kapitalgarantie bieten Anlegern keinen Schutz, wenn der Emittent zahlungsunfähig wird."

In den Monaten nach der Lehman-Pleite ließen sich Zertifikate kaum noch absetzen. Nach der Statistik des Deutschen Derivate Verbands (DDV), der Branchenvertretung der Zertifikate-Emittenten, fiel das Volumen der ausgegebenen Papiere von 110 Milliarden Euro im September 2008 auf knapp 80 Milliarden Euro im März dieses Jahres. Inzwischen sind wieder Schuldverschreibungen mit einem Gesamtvolumen von 90 Milliarden Euro im Umlauf.

"Die Vertriebsmaschinen der Banken funktionieren wieder", sagt Cabras. Das bestätigt auch eine Umfrage des Branchenmagazins "Der Zertifikateberater". Danach bezeichnen 80 Prozent der Geldinstitute die Absatzsituation bei den riskanten Papieren als "zumindest zufriedenstellend" oder besser. Dass die Banken wieder verstärkt Zertifikate in Umlauf bringen, liege an den hohen Gewinnen, die die Emittenten mit ihnen erzielen.

Brancheninsider sprechen von Renditen, die bis in den zweistelligen Prozentbereich gehen. Cabras: "Anders als bei Fonds, bei denen Ausgabeaufschläge und Verwaltungsgebühren angegeben werden müssen, ist für Anleger bei Zertifikaten überhaupt nicht erkennbar, welche Profite die Institute mit ihnen einfahren."

Dass Anleger ein Jahr nach der Lehman-Pleite wieder verstärkt Zertifikate erwerben, liege vor allem daran, dass die Papiere heute unter anderen Bezeichnungen verkauft würden, sagt der Münchner Anlegerschutzanwalt Peter Mattil. "Die Emittenten verwenden heute das Wort Anleihe und erwecken damit den Eindruck, die Produkte seien so sicher wie eine Staatsanleihe." Dabei handele es sich nach wie vor um Schuldverschreibungen, "deren Käufer bei einer Insolvenz ihr Geld verlieren", sagt Mattil. Die Kapitalgarantie besage häufig nur, dass die Anleger am Ende der Laufzeit den verbliebenen Wert des Papieres ausgezahlt bekommen. Mattil: "Die Sicherung des ursprünglich investierten Kapitals wird dabei nicht garantiert."

Hinzu kommt, dass die meisten Papiere höchst kompliziert strukturiert sind. Bei einigen Zertifikaten müssen beispielsweise die Kurse spezieller Aktien oder Rohstoffe steigen und gleichzeitig die anderer fallen, damit das Papier an Wert gewinnt. Für die meisten Anleger seien die Risiken nicht einschätzbar, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden Württemberg. "Diese Produkte sind nur etwas für Leute, die auch gern ins Spielkasino gehen und Verluste verkraften können."Die meisten Staaten haben es Banken deshalb nie gestattet, Zertifikate an Privatanleger zu verkaufen. Die Große Koalition hat sich zu einem solchen Schritt auch nach dem Lehman-Kollaps nicht durchringen können. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) fordert nun, dass die Bundesregierung für "eine effektive Aufsicht aller Produkte und Anbieter am Kapitalmarkt sorgt". VZBV-Vorstand Gerd Billen: "Verbraucherschutz muss ausdrückliches Ziel der Finanzaufsicht werden."

Der Verband der Zertifikate-Emittenten h ält die Kritik für vollkommen überzogen. Vorstand Hartmut Knüppel verweist auf eine Umfrage des DDVs unter 2556 Nutzern von Internet-Finanzportalen. Danach berücksichtigten mehr als 88 Prozent der Anleger bei ihren Kaufentscheidungen die Kreditwürdigkeit der Anbieter. Dies zeige, dass sich Anleger über "Chancen und Risiken sowie die Emittentenbonität informieren".

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