Brexit

Horrorszenario oder doch nur kurzfristige Krise?

Der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der EU beschert etlichen britischen Aktien Kursverluste. Doch nicht alle Experten beurteilen die Titel negativ.

Von Richard Haimann Veröffentlicht:
In puncto Brexit können sich viele Anleger nur die Haare raufen.

In puncto Brexit können sich viele Anleger nur die Haare raufen.

© Jürgen Fälchle/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Mit ihren jüngsten Quartalszahlen enttäuschte die HSBC ihre Aktionäre erneut: Nachdem die Londoner Großbank bereits im vorangegangenen Drei-Monats-Zeitraum rote Zahlen schrieb, vermeldete sie nun den stattlichen Verlust von umgerechnet 4,2 Milliarden Euro. Der wesentliche Grund: Wegen des bevorstehenden Austritts Großbritanniens aus der EU musste das Geldhaus Milliardenbeträge auf seine Geschäfte in Kontinentaleuropa abschreiben. Börsianer reagierten entsprechend: Seit Ende Februar hat die Bankaktie mehr als sieben Prozent verloren.

Wertverlust des Pfundes als Hypothek?

Die Großbank ist nicht das einzige britische Unternehmen, dessen Börsennotierung zuletzt Federn lassen musste. Die Aktie von Morrison Supermarkets fiel in den vergangenen vier Wochen um knapp fünf Prozent. Das Papier des Mitbewerbers Sainsbury notiert mehr als zwölf Prozent niedriger als vor Jahresfrist. Investoren fürchten, dass die Supermarkt-Ketten künftig deutlich geringere Gewinne erzielen werden, weil das britische Pfund mehr als zehn Prozent gegen den Euro verloren hat. Das verteuert den Import von Nahrungsmitteln. Doch wegen des harten Konkurrenzkampfs auf der Insel können die Unternehmen ihre Preise nicht anheben.

Den Kurseinbrüchen könnte noch ein viel härterer Absturz der Börse in London folgen, meint Uwe Eilers, Vorstand des Vermögensverwalters Geneon in Königsstein. "Großbritannien wird in wirtschaftlicher Isolation und Bedeutungslosigkeit versinken."

Am Mittwoch dieser Woche, am 29. März, will Premierministerin Theresa May den Austrittsantrag bei der EU in Brüssel vorlegen. Zwei Jahre lang soll um die Details des Brexits verhandelt werden. Die Europäische Union werde der Insel dabei keine Gefälligkeiten einräumen, sagt Eilers. "Zu groß wäre die Gefahr, dass dann auch andere EU-Mitglieder über einen Ausstieg nachdenken." Mit dieser Einschätzung steht Eilers nicht allein. Zahlreiche Analysten haben die Aktien von HSBC, Morrison, Sainsbury und etlicher anderer britischer Unternehmen mit "Neutral" oder "Halten" eingestuft. Im Börsenjargon gilt dies als verdeckte Verkaufsempfehlung.

Pharmatitel überzeugen Analysten

Andere Experten warnen hingegen davor, alle britischen Werte über einen Kamm zu scheren. Joao Toniato von der Schweizer Großbank UBS sieht in einer Studie weiterhin Potenzial für britische Pharmaaktien. Schließlich sind Medikamentenhersteller wie AstraZeneca, GlaxoSmithKline und Hikma Pharmaceuticals weltweit tätig. Tatsächlich sind die Börsennotierungen der Pharmakonzerne in den vergangenen drei Monaten um zum Teil mehr als zehn Prozent gestiegen.

Patrick Cettier, Geschäftsführer der Zürcher Vermögensverwaltung Prio Partners, erwartet gar, dass etliche jener britischen Aktien, die zuletzt kräftig gefallen sind, bald wieder steigen. Der Brexit werde weit weniger gravierende Folgen für die britische Wirtschaft haben, als viele Investoren jetzt befürchten.

"Wirtschaftlich ergibt es weder für die EU noch für Großbritannien Sinn, Handelsbarrieren aufzubauen", sagt Cettier. Zudem sei die Insel wirtschaftlich eng mit ihren früheren Kolonien in der ganzen Welt verbunden. "Es wäre nicht überraschend, wenn Großbritannien in kürzester Zeit eine Reihe von vorteilhaften Handelsabkommen schließt, die es im Rahmen der EU-Mitgliedschaft nie hätte erzielen können", sagt Cettier. "Die geplanten neuen Abkommen mit den USA, Australien und Indien zeigen, wo es in Zukunft hingehen kann."

Zumindest bei britischen Immobilienaktien fassen Investoren wieder Zutrauen. Vergangenes Jahr waren die Papiere der Bestandhalter von Bürogebäuden und Einkaufszentren um zum Teil mehr als 30 Prozent gefallen. Börsianer fürchteten einen Exodus der Mieter durch den Brexit. Stattdessen konnten Gesellschaften wie Derwent London, Hammerson und Land Securities etliche neue Mietverträge abschließen. Seit Anfang Februar stiegen ihre Aktienkurse um mehr als sieben Prozent.

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