Wo in der Versorgung sparen?

Vorschläge der Finanzkommission belasten Staat und Patienten gleichermaßen

Keine Extrahonorare an Ärzte für Terminvermittlung mehr, Krankenkassenbeiträge für Bürgergeldbeziehende aus Steuermitteln. Die „Finanzkommission Gesundheit“ hat erste Sparmaßnahmen vorgestellt. Jetzt ist die Politik am Zug.

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Schaubilder zur Illustration. Mitglieder der FinanzKommission Gesundheit zeigen ihre Berechnungen auf einer Tafel.

Schaubilder zur Veranschaulichung. Mitglieder der Finanzkommission Gesundheit am Montag in der Bundespressekonferenz (v. l. n.r. die Professores Leonie Sundmacher, Ferdinand M. Gerlach und Wolfgang Greiner.

© Britta Pedersen/dpa

Berlin. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken will aus den ersten Ergebnissen der „Finanzkommission Gesundheit“ die bislang umfassendste Finanzreform in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bosseln. „Schnell umsetzbare Maßnahmen sollen vorgezogen werden, um die Beitragsspirale nach oben zu stoppen“, sagte die CDU-Politikerin bei der Vorstellung der Arbeit am Montagnachmittag vor der Bundespressekonferenz.

Nach Prüfung des Kommissionsberichts wolle sie mit der Regierung ein Gesamtpaket vorlegen, betonte Warken. Ziel sei, vor der Prognose des Schätzerkreises zur Höhe des künftigen Zusatzbeitrags im Oktober ein Gesetz vorzulegen. Dies solle deshalb bis Juli vom Kabinett verabschiedet sein. Die Ministerin kündigte zudem an, bis zum Sommer ein Primärversorgungsmodell vorzustellen.

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Kommissionsvorsitzender Professor Wolfgang Greiner sagte, dass die Arbeit der Kommission seit dem vergangenen Jahr das Instrumentarium liefere, die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung zu stabilisieren. Es gelte, eine Rückkehr zur einnahmeorientierten Politik einzuleiten.

Bereits 2030 werde die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben rund 40 Milliarden Euro betragen. Der Zusatzbeitrag müsste dann rechnerisch auf 4,7 Prozent klettern. Das Sparvolumen der Vorschläge der Kommission liegt bei insgesamt rund 63 Milliarden Euro.

Die zehnköpfige Kommission schlägt vor, die Krankenkassen zum Beispiel um rund zehn Milliarden Euro an Beiträgen für Bürgergeldbeziehende zu entlasten. Auch die Zuschläge für Ärzte aus dem Terminservice- und Vergütungsgesetz stellen sie zur Disposition, ebenso die beitragsfreie Mitversicherung voin Ehepartnern.

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Zuzahlungen für Arzneien in Apotheken sollen nach Ansicht der Wissenschaftler auf zehn Euro angehoben werden. Ebenso solle die Mehrwertsteuer für nicht generische Arzneimittel von derzeit sieben auf 14 Prozent erhöht werden.

Um dem Hang zu Übergewicht in der Bevölkerung zu begegnen soll eine erhöhte Zuckersteuer dafür sorgen, dass in Softdrinks weniger Zucker verwendet wird. Wer zum Beispiel von seinem Arzt ein künstliches Kniegelenk verschrieben erhält, soll zunächst eine Zweitmeinung einholen dürffen. Untersuchungen hätten ergeben, dass sich danach 85 Prozent gegen den Gelenkaustausch entschieden. Auch die Zahnspangenversorgung soll unter die Lupe.

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Die Arbeit der Kommission ist damit nicht vollbracht. Sie werde bis zum Jahresende auch langfristige Maßnahmen zur Stabilisierung der Kassenfinanzen vorlegen, kündigte

Die Ministerin stellte klar, dass es mit ihr keine einseitigen Reformen zulasten der gesetzlich Versicherten geben werde. Sie setze auf Eigenverantwortung der Menschen, eine Präventionsoffensive, mehr Digitalisierung, die Notfallreform und eine „neu gedachte“ Pflegeversicherung.

Aus den Koalitionsfraktionen hieß es, mit den Vorschlägen der von Warken eingesetzten GKV-Finanzkommission liege erstmals eine belastbare Grundlage vor, um strukturelle Defizite der GKV entschlossen anzugehen. „Damit beginnt die entscheidende Phase dieser Reform“, versicherten die gesundheitspolitischen Sprecher von Union und SPD, Simone Borchardt (CDU) und Dr. Christos Pantazis, in einer gemeinsamen Mitteilung.

Für die Grünen-Fraktion erklärte der Gesundheitspolitiker und Arzt Professor Armin Grau, die Bundesregierung habe aufgrund der „Breite der Vorschläge“ keine Ausrede mehr, sie müsse jetzt handeln und Beitragserhöhungen 2027 „unbedingt vermeiden“.

Lob von Kassen, Kritik aus der Ärzteschaft

Vertreter der Krankenkassen betonten, auf Grundlage der Empfehlungen der Kommission könne „der große Wurf zur Begrenzung der Ausgaben“ gelingen. „Was es jetzt zügig braucht, sind klare Entscheidungen der Politik für mutige Reformen und deren kraftvolle Durchsetzung“, mahnte der Chef beim GKV-Spitzenverband, Oliver Blatt.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) übte dagegen scharfe Kritik. „Mit ihrem Vorschlag, die Vergütungsregelungen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes ersatzlos zu streichen sowie Vergütungsanstiege global zu begrenzen, sorgt die Finanzkommission Gesundheit für den Wegfall von Millionen Arztterminen“, warnten die Vorstände Dres. Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner.

„Hier wird nicht im System gespart, hier wird an der Versorgung der Patientinnen und Patienten gespart“, warnte auch der Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbandes der Fachärzte Deutschlands (SpiFa), Dr. Dirk Heinrich. Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Dr. Susanne Johna, merkte an: „Es kann weder von Praxen noch von Krankenhäusern erwartet werden, dass sie dauerhaft die Versorgung sicherstellen, ohne dafür adäquat bezahlt zu werden.“ (af/hom)

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