Resistente Keime

Ruf nach mehr Screening und nach Infektiologen

Ausbrüche mit multiresistenten Keimen in Kliniken wie jüngst in Kiel beunruhigen Patienten. Experten fordern bakteriologische Untersuchungen und mehr Infektiologen.

Von Birgitta von Gyldenfeldt Veröffentlicht:

Jedes Jahr sterben 10.000 bis 15.000 Patienten infolge einer Klinikinfektion, schätzt das Nationale Referenzzentrum zur Surveillance nosokomialer Infektionen an der Berliner Charité.

Immer wieder kommt es dabei auch zu Ausbrüchen mit multiresistenten Erregern, in Bremen etwa, Berlin, Leipzig oder jetzt in Kiel.

Das Uniklinikum in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt kämpft gegen das Bakterium Acinetobacter baumannii. Inzwischen wurde der multiresistente gramnegative Erreger (MRGN) bei mehr als 30 Patienten nachgewiesen.

Immer wieder wird bei solchen Ausbrüchen die Forderung nach Screenings laut. So sagt etwa Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) mit Blick auf den Kieler Fall, zur Aufarbeitung gehöre auch die Frage, "ob und wie wir in Deutschland beim Patienten-Screening Verbesserungen erzielen können".

Verbesserungsbedarf sehen viele. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verweist auf die Niederlande, wo standardmäßig jeder stationär aufzunehmende Patient gescreent wird, wenn er einer Risikogruppe wie Tierärzten und Schlachthausmitarbeitern angehört.

MRGN-Erreger nicht im Fokus

Allerdings wird nur auf sogenannte MRSA getestet. Auch viele deutsche Kliniken prüfen inzwischen standardisiert auf solche Erreger.

Und das durchaus mit Erfolg, wie der Leiter des Bereichs Krankenhaushygiene am Uni-Klinikum Frankfurt, Christian Brandt, betont: Die Zahl der MRSA-Ausbrüche steige nicht mehr, sie sei hierzulande stabil bis leicht sinkend.

"Da gibt es mittlerweile einen Schnelltest", ergänzt der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Hygieniker, Klaus-Dieter Zastrow. Für MRGN-Erreger gebe es das noch nicht.

Dennoch ist Zastrow dafür, dass das Eingangsscreening auch in diesem Bereich ausgebaut wird. "Das ist reinste Prävention."

Schließlich könne es dann nicht passieren, dass ein Patient, der von multiresistenten Keimen befallen ist, "ungeachtet im Fünf-Bett-Zimmer liegt", gibt Zastrow zu bedenken.

Eine Klinik könne sich ja nicht vor etwas schützen, von dessen Existenz sie nicht wisse.

Das hat auch die Uniklinik Leipzig gespürt, die seit Mai 2012 konsequent auf MRGN wie das jetzt in Kiel aufgetauchte Acinetobacter baumannii screent.

"Der Grund war, dass wir auch einen Ausbruch hatten, wenn auch von einem anderen (MRGN)-Erreger", sagt der Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin, Christoph Lübbert.

Seitdem wird in bestimmten Bereichen, beispielsweise auf der Intensivstation, jeder neu eingelieferte Patient "auf die üblichen Verdächtigen" getestet.

Auch wer länger als 14 Tage im Krankenhaus bleibe, werde bei der Aufnahme und dann wöchentlich auf entsprechende Erreger untersucht, egal, in welcher Abteilung er liegt.

"Das ist, glaube ich, auch sehr sinnvoll", sagt Lübbert. Bei Patienten, die nicht in eine Risikoabteilung kommen und nur kurz im Krankenhaus bleiben, wird ein Screening auf MRGN-Erreger nur dann gemacht, wenn sie Risikofaktoren haben, sie also beispielsweise während eines Auslandsaufenthalts im Krankenhaus waren.

Patienten aus ausländischen Kliniken isoliert

Im Uniklinikum Münster wird es ähnlich gehandhabt. Auf MRSA werden alle gescreent, bei der Übernahme aus einem ausländischen Krankenhaus werden die Patienten auf weitere multiresistente Erreger getestet.

Außerdem heißt es hier: "Patienten aus einem ausländischen Krankenhaus werden a priori strikt isoliert, dann untersucht und erst, wenn sie frei von multiresistenten Erregern sind, entisoliert", so eine Sprecherin der Uniklinik.

Screenings allein sind aber kein Allheilmittel, wie der Krankenhaushygieniker des Uniklinikums Rostock, Andreas Podbielski, betont.

Er ist weit skeptischer, was das Screening bei MRGN-Erregern angeht. Es gebe für diese Erreger keine verlässlichen Screenings, sagt er. Dies zeige auch eine Studie, die in Rostock gerade laufe. Undifferenzierte Forderungen nach Screenings seien unangebracht.

Auch nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) müssten die Hebel an anderer Stelle ansetzen. Denn neue Vorschriften, etwa für Reihenuntersuchungen und Isolierung von Patienten, würden wenig helfen.

In der akuten Situation hänge alles von einer zügigen und korrekten Diagnose, dem Einsatz der geeigneten Medikamente und der richtigen Therapiedauer ab. "Dafür brauchen wir keine neuen Screenings, sondern mehr und gut ausgebildete Infektiologen - sie fehlen Deutschland heute", so die DGI in einer Mitteilung.

Den Bedarf allein im Klinikbereich für einen besseren Einsatz von Antibiotika schätzt die DGI auf mindestens 1000 Fachkräfte.

Aktuelle Studien zeigen, dass die Überlebenschancen von Infektionspatienten steigen, wenn ein Spezialist für Infektionskrankheiten in die Behandlung einbezogen wird.

Die zentrale Forderung der DGI ist daher, dass in der Mehrzahl der deutschen Universitätskliniken und in der Hälfte aller Kliniken mit Vollversorgung infektiologische Referenzzentren eingerichtet werden. (dpa/eis)

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Wolfgang P. Bayerl

Wer ruft da schon wieder? Verehrte Frau @Von Birgitta von Gyldenfeldt, auch für Sie ist es möglich,

einen Blick in die Todestatistik unseres Landes zu werfen um zu erkennen, dass da nicht ausreichen Platz ist für solche "Schätzungen".
Das erinnert an Fukushima, bei dem über 0 Todesfälle durch radioaktive Strahlung permanent berichtet wird, aber nicht über die fast 20.000 Tote durch andere Ursachen.


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