Apotheker plus, 24.09.2010
 

Der Alchemist des weißen Goldes

Porzellan aus Meißen hat Weltruf. Vor 300 Jahren begann in dieser Stadt die europäische Erfolgsgeschichte des "weißen Goldes."An Entwicklung und Produktion hatte der Apothekerlehrling und Alchemist Johann Friedrich Böttger wesentlichen Anteil.

Von Klaus Brath

Der Alchemist des weißen Goldes

Johann F. Böttger zeigt August dem Starken das Arkanum (Wandgemälde von Paul Kießling)

© Dieter Krull

August der Starke, der sächsische Kurfürst und König von Polen, muss triumphiert haben. Am 23. Januar 1710 verkündete der Monarch, der keinen Hehl aus seiner "maladie de porcelaine" machte, in einem viersprachigen Dekret die Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur. Jahrhunderte lang war Porzellan teuerster Luxus. Seit Marco Polo im 13. Jahrhundert chinesisches Porzellan nach Europa brachte, versuchten Generationen von Alchemisten und Naturforschern, dem Geheimnis der Porzellanherstellung auf die Spur zu kommen.

Böttger absolvierte zunächst eine Apothekerlehre

Der Alchemist des weißen Goldes

Büste von Johann Friedrich Böttger aus Böttgersteinzeug,

© Porzellan-Manufaktur Meißen

Die Entschlüsselung des "Arcanums" wird seit Langem einem Mann mit einer abenteuerlichen Lebensgeschichte zugeschrieben: Johann Friedrich Böttger (1682-1719) wurde im thüringischen Schleitz als Sohn eines Münzmeisters geboren, absolvierte in Berlin von 1696 bis 1701 eine Apothekerlehre und machte schließlich in Sachsen wundersam Karriere.

Mit 14 Jahren hatte Böttger seine Ausbildung bei dem Berliner Apotheker Friedrich Zorn begonnen. Das Arbeitsverhältnis war allerdings angespannt: Böttger habe sich während der Lehre "gar übel aufgeführt", er sei "gar davongelauffen" und habe "bey liederlichem Gesindel sich aufgehalten ...", heißt es in einem Dokument von 1701.

Angespornt durch das Studium alter Handschriften und die Bekanntschaft mit dem Chemiker Johann Kunckel faszinierte Böttger dennoch die Alchemie, die Lehre vom "Stein der Weisen". Am 1. Oktober 1701 wandelte der frisch gebackene Geselle im Hause Zorns bei einem öffentlichen Experiment angeblich silberne Münzen in goldene um. Ob Selbsttäuschung oder Taschenspielertrick, die Kunde von dem Spektakel verbreitete sich rasant. Sie gelangte auch zum Preußenkönig Friedrich I. Um nicht als Betrüger überführt zu werden, floh Böttger aus Berlin - und landete schließlich als Goldmacher Augusts des Starken im Gewahrsam der Sachsen.

Böttger mühte sich vergebens, aus unedlen Metallen Gold herzustellen. Um die Goldmacherei voranzubringen, übertrug der Kurfürst 1704 dem Universalgelehrten und Naturforscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und dem Bergrat Gottfried Pabst von Ohain die Aufsicht über Böttgers Versuche. Inspiriert von Tschirnhaus, der bereits seit 1693/94 Versuche zum Porzellan durchführte, begann auch Böttger mit keramischen Experimenten.

1708 glückte die Herstellung des weißen Porzellans

Mit Erfolg: Zunächst gelang die Erfindung des roten Porzellans, auch Jaspisporzellan oder Böttgersteinzeug genannt. Und schließlich glückte in Dresden erstmals das erfolgreiche Brennen eines weißen und durchscheinenden Scherbens. Die früheste Labornotiz der Rezeptur für weißes Hartporzellan datiert vom 15. Januar 1708 - sie gilt als Geburtsurkunde des europäischen Hartporzellans. Doch war Böttger überhaupt der alleinige Erfinder, als der er sich ausgab? Dies tat er 1709 - noch immer Staatsgefangener - nach dem plötzlichen Tod Tschirnhaus‘.

In jüngster Zeit wandelt sich nun das tradierte Bild von der Porzellanerfindung Böttgers. Zunehmend rückt indes das gesamte, strikt geheim arbeitende Forscherteam inklusive einer Reihe Freiberger Hüttenleute in den Fokus.

Wissenschaftler streiten, wem der Erfinderruhm gebührt

Und dennoch ist ein alter Prioritätsstreit wieder aufgeflammt: Mit Böttger habe der Falsche den Ruhm geerntet, meint der Diamantengutachter Christof von Tschirnhaus, ein Nachfahre des Naturforschers. Er propagiert stattdessen diesen als "Porzellanerfinder."

Dr. Ulrich Pietsch, Direktor der Porzellansammlung in Dresden und Autor des Buches "Mythos Meissen" (2008), hält dagegen. Tschirnhaus habe nur "die theoretischen Grundlagen für die Porzellanerfindung [...] erarbeitet." Es bleibe "fraglich, ob Tschirnhaus Böttger wirklich den Weg gewiesen" habe.

Wie dem auch sei: 1710 übertrug man Böttger die Administration der Meissner Manufaktur. Als 1722 die Gekreuzten Schwerter der Manufaktur, eines der ältesten heute noch gebräuchlichen Markenzeichen der Welt, eingeführt wurden, war Böttger schon tot. Er starb 37-jährig 1719 in Dresden an den Folgen seiner Experimente mit giftigen Substanzen.

Ausstellungen

Der Alchemist des weißen Goldes

Die Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur ist Anlass für Ausstellungen und Aktionen wie:

"Der Stein der Weis(s)en. 300 Jahre Mythos Manufaktur Meissen, Albrechtsburg, Meißen; noch bis 31. Oktober

Am 24.Oktober hat zudem das Stück: "Böttger - Das Porzellanical", Premiere im Theater Meissen.

www.meissen2010.de/de/aktuelles/ausstellungen/
www.porzellanical.de

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