Ärzte Zeitung, 09.02.2012

Internisten: Der Trend geht zur personalisierten Medizin

Internisten: Der Trend geht zur personalisierten Medizin

Außer Onkologen wollen jetzt auch Kardiologen und Diabetologen ihre Erkrankungen stärker unterteilen, um Patienten die bestmögliche Therapie geben zu können.

BERLIN (gvg). Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) legt bei ihrem 118. Internistenkongress im April in Wiesbaden einen Schwerpunkt auf das Zusammenwirken zwischen Genen und Umwelt.

Internisten: Der Trend geht zur personalisierten Medizin

Professor Joachim Mössner spricht sich für die Einführung des Facharztes für Geriatrie aus.

© DGIM

Dieses Thema, das seit Jahren intensiv beforscht wird, ist eng verknüpft mit dem Konzept einer personalisierten, an individuellen genetischen Konstellationen orientierten Therapie. In der Onkologie schlägt sich das längst in Form der gezielten (targeted) Therapien nieder.

Kongresspräsident Professor Joachim Mössner vom Uniklinikum Leipzig zeigte sich davon überzeugt, dass die zunehmende Aufteilung von Krankheitsentitäten in Untergruppen auch andere Bereiche der Inneren Medizin erfasst.

Fibrosespezifische Biomarker könnten Herzinsuffizienz aufdecken

Wie das am Beispiel der Kardiologie aussehen könnte, verriet Professor Heinz-Peter Schultheiss, Charité Berlin. Er berichtete über fibrosespezifische Biomarker, die künftig dazu genutzt werden könnten, jene Patienten mit Herzinsuffizienz zu identifizieren, die auf die gängigen Therapien nicht ansprechen.

Vielversprechend sei vor allem eine Kombination des Fibrosemarkers sST2 mit dem schon etablierten NT-proBNP. Sind beide Parameter erhöht, dann könne mit Standardtherapien kaum etwas erreicht werden, so Schultheiss: "Solche Analysen könnten in Zukunft dazu führen, dass bei einem Patienten früher an ein Assist-Device oder auch an eine Transplantation gedacht wird."

Auch die Diabetologie steuere auf eine Personalisierung zu, sagte Professor Joachim Spranger, ebenfalls Charité Berlin. Er hält zum Beispiel Medikamente, die die Glukoseausscheidung im Urin fördern, für eine interessante Option bei adipösen Diabetikern, weil dadurch gleichzeitig Kalorien ausgeschieden werden.

Je nach Fettstoffwechselsituation seien außerdem Gallensäuren und das aus der Parkinsontherapie bekannte Bromocriptin interessante Kandidaten für eine personalisierte Diabetestherapie.

Facharzt für Geriatrie soll Hausarzt nicht ersetzen, aber seine Arbeit ergänzen

Die DGIM plädierte auch dafür, den Facharzt für Geriatrie als neunte Subspezialisierung der Inneren Medizin einzuführen.

"Die geriatrische Versorgung ist in den letzten Jahren immer komplexer geworden, und dem sollten wir im Interesse unserer Patienten durch die Einführung eines eigenen internistischen Facharztes Rechnung tragen", betonte Kongresspräsident Mössner. Der fachärztliche Geriater, so die Vorstellung der DGIM, soll sich in erster Linie um sehr multimorbide alte Patienten kümmern.

Als Konkurrenz zu niedergelassenen Allgemeinmedizinern oder hausärztlichen Internisten möchte die DGIM ihr Ansinnen keinesfalls verstanden wissen: Es gehe nicht darum, alle kalendarisch alten Patienten geriatrisch versorgen zu lassen. Allgemeinärzte, die mit ihren 80-jährigen Patienten klarkommen, sollten diese Patienten auch weiterhin behandeln, so Mössner.

Den internistischen Facharzt für Geriatrie konzipiert die DGIM eher als einen Experten, der - analog zu andere internistischen Fachärzten - dann zu Rate gezogen werde, wenn ein Kollege in der Primärversorgung mit einem multimorbiden, intensiv medikamentös behandelten Patienten nicht mehr klarkomme.

"Immer mehr Kollegen gerade im hausärztlichen Bereich monieren, dass alte Patienten mit einem Dutzend oder mehr Medikamenten aus der Klinik entlassen werden, ohne dass die Frage gestellt wird, ob diese Medikamente überhaupt eingenommen werden", sagte Mössner.

Der Facharzt für Geriatrie könnte in solchen Fällen hinzugezogen werden, so die Vorstellung der DGIM. Als Spezialist für Multimorbidität wäre er beispielsweise in der Lage, zu entscheiden, welche Erkrankungen vorrangig zu behandeln sind, wenn nicht alle wünschenswerten Therapien praktisch umsetzbar sind.

Bisher ist der "neunte Internist" ein Wunsch der DGIM, aber noch nicht mehr. Die Bundesärztekammer wurde kontaktiert. "Die Gespräche laufen", so Mössner.

[10.02.2012, 14:48:29]
Dr. Jürgen Schmidt 
Die Klammer der Spezialgebiete muss erhalten bleiben
Die "Einheit der Inneren Medizin" ist zwar ein immer aufs Neue dikutiertes Thema und viel beschworenes Bekenntnis und durch den truncus communis der Weiterbildung - eben auch der Spezialgebiete - theoretisch gesichert, die Praxis sieht jedoch zunehmend anders aus.

Die gemeinsam durchlaufene klinische Schule pathophysiologisch, differentialdiagnostisch und -therapeutischen Denkens beginnt die verklammnernde Wirkung zu verlieren.

Als erstes haben dies die "Allgemein"-Internisten (von ihren Spezialisten) zu spüren bekommen.

Dem Berufsverband stellt sich die Aufgabe, den Satzungsinhalt "Einheit.." wieder in den Fokus zu rücken. Unter dem dominanten Aspekt zunehmend arbeitsteiliger Spezialisierung, die ohne intensive (intensivere!) Kooperation nicht denkbar ist, muss ein Auseinanderdriften der Spezialgebiete verhindert werden. Längst gibt es geriatrische Fachabteilungen. Ihre Rolle im Curriculum der Weiterbildung sollte gestärkt werden, besonders für jene Internsiten, die eine Niederlassung anstreben, und auf eine Klientel treffen werden, die in der Mehrzahl eines geriatrische Asseesment bedarf. Da hat der Kollege Popert völlig recht. zum Beitrag »
[10.02.2012, 11:26:03]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Fachachzt für Geriatrie?
Die Krankenhäuser und die Praxen sind voll mit Patienten 65+.
Eigentlich sollte man erwarten, dass somit alle Internisten gelernt haben, mit dieser -größten- Kundengruppe umzugehen.
Wenn die DEGIM jetzt diese Patienten spezialistisch-spezialistisch angehen will, hört sich das nach einer Bankrotterklärung bisheriger Versorgung an - offensichtlich sehen sich Internisten ja nicht in der Lage, den größten Teil der Patienten adäquat zu versorgen.
Das mag korrekt sein - dann sollte man aber auch berücksichtigen, dass für die bisherige Geriatrie-Weiterbildung keine (!) Praxis-Erfahrung nötig ist.
Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken - bevor sich die DEGIM hier noch mehr als Interessensvertretung der Subspezialisten outet.
Letzlich geht es ja um bessere Versorgung der Bevölkerung, und nicht um die Zahl von Professuren, oder? zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Merkel beansprucht Führung weiter für sich

Drastische Einbußen, aber immer noch vorn: Die Wähler versetzen der Union einen Kinnhaken. Die große Koalition scheint passé. Auch die Umfrageteilnehmer der "Ärzte Zeitung" hatten bereits im Vorfeld eine neue "GroKo" abgelehnt. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »