Ärzte Zeitung, 12.12.2011
 

Bei erwachsenen ADHS-Patienten tickt die innere Uhr anders

ROSTOCK (eb). Bei Erwachsenen mit ADHS scheint der Zeitrhythmus fundamental gestört zu sein. Am Uni-Klinikum Rostock suchen Mediziner um Professor Johannes Thome jetzt nach den zugrunde liegenden genetischen, zellulären und molekularen Veränderungen, so eine Mitteilung der Universität.

Es gebe Hinweise, dass der Rhythmus bei ADHS-Patienten verkürzt ist. Sie schlafen wenig und fühlen sich morgens müde, viele sind "Nachtschwärmer".

Den Tag-Nacht-Rhythmus zeichnen die Forscher mit "Acti-Watch" auf, einem Mini-Computer, der wie eine Quarzuhr am Handgelenk getragen werden kann. Zusätzlich untersuchen sie nach einer eigens entwickelten Methode die sogenannten Clock-Gene: Sie messen die Menge des Genproduktes, das die innere Uhr steuert.

Häufig Probleme mit Tag-Nacht-Rhythmus

Ergibt sich, dass die Genproduktion für den 24-Stunden-Rhythmus gestört ist, erklärt das, warum Erwachsene mit ADHS häufig Probleme mit dem Tag-Nacht-Rhythmus haben. Diese Erkenntnisse könnten zu neuen Therapien beitragen.

Bei etwa einem Drittel der Patienten wächst sich ADHS nicht aus. Diese etwa drei bis fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung haben Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafdefizit, Stimmungsschwankungen, Überaktivität und Impulsivität, daraus folgen Probleme im Beruf und Privatleben, etwa Alkoholabhängigkeit.

Erst seit kurzem ist auch für Erwachsene ein ADHS-Medikament zugelassen.

[13.12.2011, 10:43:20]
Dr. Thomas Bonath 
ADHS - auch bei Erwachsenen eine ungenaue Diagnose
Ein großes Problem ist in der Medizin die Verallgemeinerung und vermeintlich kausale Verknüpfung von Teilaspekten. Schon bei den ADHS-Kindern bemüht man sich um die Diagnosestellung über eine Verhaltensbeschreibung - und leitet daraus ab, daß bei allen eine Störung des Hirnstoffwechsels vorliegen muß. Das Gleiche macht man jetzt bei Erwachsenen, wobei die diagnostischen Kriterien noch ungenauer sind.
Aber "Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafdefizit, Stimmungsschwankungen, Überaktivität und Impulsivität" können auch andere Krankheitsbilder aufweisen.Und wo ist die Grenze zu den "normalen" Reaktionen auf unsere gesellschaftlichen Herausforderungen?

Ich arbeite seit mehr als 13 Jahren mit Kindern, bei denen "ADHS-Verdacht" von berufener und unberufener Seite geäußert wurde. Im Zuge dessen behandelten wir schon frühzeitig ebenfalls betroffene Erwachsenen aus den Familien. Ich bin immer unzufriedener mit der pauschalisierenden und letztlich ungenauen Diagnose. Einmal gestellt, hat sie erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen. Auch sehr praktische: versuchen Sie mal, mit dieser Diagnose eine Lebens- oder Krankenversicherung zu bekommen.

Merkwürdig finde ich, daß Forschung sich immer dann intensiv mit einem Gebiet befaßt, wenn "seit kurzem auch ein Medikament zugelassen ist". Interessant ist auch, wie dann auf einmal die "Zahl der Betroffenen" sich nach oben entwickelt. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Ebola-Überlebende auch 40 Jahre später noch immun

Eine Forscherin machte sich auf die Suche nach den Überlebenden des ersten Ebola-Ausbruchs – und verspricht sich davon wichtige Erkenntnisse. mehr »

Inhalatives Steroid bei Kindern – Keine falsche Zurückhaltung!

Die Angst vor Frakturen sollte bei asthmakranken Kindern kein Grund gegen die Kortisoninhalation sein. Zurückhaltung könnte sogar den gegenteiligen Effekt haben. mehr »

Ibuprofen plus Paracetamol so effektiv wie Opioide

Es müssen keine Opioide sein: OTC-Analgetika wirken bei Schmerzen in den Gliedmaßen ähnlich gut wie Opioide, so eine US-Studie. mehr »