Ärzte Zeitung, 18.06.2004

IM GESPRÄCH

Dicke Kinder: Problem erkannt, aber lange noch nicht gebannt

NEU-ISENBURG (run). Daß in Deutschland immer mehr Kinder zu dick werden, ist bekannt - gut 3,5 Millionen Jungen und Mädchen leiden an Übergewicht. Um das Problem an der Wurzel zu packen, hat nun Verbraucherministerin Renate Künast in einer aktuellen Regierungserklärung außer einer besseren Prävention strengere Regeln bei der Werbung für Kinderlebensmittel gefordert. Doch zunächst brauchen die bereits heute zu dicken Kinder Hilfe. Daher werden auch ständig neue Therapieprogramme initiiert - allerdings mit unterschiedlicher Qualität.

Das verdeutlicht eine Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA), wie Dr. Thomas Reinehr von der Vestischen Kinderklinik in Datteln berichtet. Danach arbeiteten 51 Prozent der teilnehmenden ambulanten und 27 Prozent der stationären Einrichtungen nicht entsprechend den Leitlinien der AGA.

"Dieses schlechte Ergebnis hat uns sehr überrascht", so Reinehr. "Oft wurden nicht alle drei von der AGA geforderten Bausteine einer Adipositastherapie - Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie - angeboten und nur etwas mehr als die Hälfte der Konzepte bezieht Eltern mit ein", beklagte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Doch gerade das sei bei Kindern wichtig.

Anders als bei Erwachsenen ist auch kein Medikament zur unterstützenden Adipositastherapie bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland zugelassen. In den USA hingegen ist Orlistat (Xenical®) bereits ab 12 Jahren zugelassen. Auch für Sibutramin (Reductil®) gibt es aktuelle Studiendaten zur erfolgreichen Anwendung bei adipösen Jugendlichen ab 14 Jahren, aber noch keine Zulassungserweiterung.

Ebenfalls erst ab 18 Jahren ist eine operative Magenverkleinerung zugelassen. "In Ausnahmefällen haben wir auch bei 16jährigen einen Magenballon eingesetzt", berichtet Professor Rudolf Weiner aus Frankfurt/Main. Der nichtverstümmelnde Eingriff wurde aber bisher bei maximal 30 Jugendlichen vorgenommen.

Problematisch ist auch die Kostensituation. Nach einem Beschluß des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen wird eine ambulante Adipositastherapie bei Kindern nicht bezahlt. Ausnahmen bilden Modellprojekte wie das "Obeldicks-Programm" in Datteln oder FITOC (Freiburg Intervention Trial for Obese Children).

Die Kosten einer vierwöchigen stationären Therapie könnten hingegen als Reha-Maßnahme übernommen werden, so Reinehr. Der Nachteil: "Eltern werden selten eingebunden, eine ambulante Nachsorge ist oft nicht gewährleistet, und die Behandlung ist etwa dreimal teurer als bei ambulanten Programmen."

Unter www.a-g-a.de gibt es eine aktuelle Übersicht an Therapieangeboten und Ansprechpartnern. Sie soll im Verlauf des Jahres auch bewertet werden.

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