Ärzte Zeitung, 01.04.2016

Mäuse-Studie

Fettleibigkeit epigenetisch vererbbar

Was die Eltern essen, wirkt in das Erbgut der nächsten Generation. Dies hat jetzt eine Münchner Studie ergeben.

MÜNCHEN. Durch eigene Fehlernährung verursachte Fettleibigkeit und Diabetes können vererbt werden.

Münchner Wissenschaftler haben an Mäusen gezeigt, dass die Veranlagung zu diesenernährungsbedingten Krankheiten sowohl über Eizellen als auch über Spermien epigenetisch an die Nachkommen weitergegeben werden (Nature Genetics 2016, online).

Die Epigenetik betrifft nicht den tatsächlichen DNA-Code, sondern die Regulation verschiedener Gene; epigenetische Veränderungen gelten als reversibel.

Für ihre Studie verwendete das Team vom Institut für Experimentelle Genetik (IEG) am Helmholtz Zentrum München Tiere, die aufgrund fettreicher Nahrung übergewichtig geworden waren und einen Typ-2-Diabetes entwickelt hatten. Ihre Nachkommen wurden über künstliche Befruchtung gezeugt und von Leihmüttern ausgetragen, heißt es in einer Mitteilung des Zentrums.

So wurden andere Einflüsse ausgeschlossen, vor allem das vom Stoffwechsel einer dicken Mutter bestimmte Nahrungsangebot für den Embryo in der Gebärmutter, aber auch das Verhalten der Mütter in der Schwangerschaft und beim Säugen.

Mütterliche Einfluss auf Veränderung des Stoffwechsel noch größer

Mehrere Studien zeigten bereits, dass Fettleibigkeit und ihre Begleiterkrankungen von Vätern epigenetisch weitergegeben werden können.

Im Januar hatten US-Forscher im Fachjournal "Science" eine Studie mit Mäusemännchen veröffentlicht, nach der fettreiche Ernährung den Stoffwechsel der Nachkommen negativ beeinflussen kann. Andere Forscher wiesen eine ähnliche Wirkung auch bei Menschen nach.

Neu ist bei der Studie der Weg über die künstliche Befruchtung mit entnommenen Eizellen und Spermien, sodass auch der Einfluss der mütterlichen Erbanlagen isoliert gesehen werden kann.

Dabei konnten die Forscher zeigen, dass der mütterliche Einfluss auf die Veränderung des Stoffwechsels noch größer ist als der väterliche - und dass männliche und weibliche Nachkommen unterschiedlich betroffen sind: Weibliche wurden eher dicker, männliche hatten mehr Blutzuckerprobleme.

"Es zeigte sich, dass sowohl Eizellen als auch Spermien epigenetische Information weitergeben, die insbesondere bei den weiblichen Nachkommen zu einer starken Fettleibigkeit führten", wird Studienleiter PD Dr. rer. nat. Johannes Beckers in der Mitteilung zitiert.

"Diese Art der epigenetischen Vererbung einer durch Fehlernährung erworbenen Stoffwechselstörung könnte eine weitere wichtige Ursache für den weltweiten dramatischen Anstieg der Diabetes-Prävalenz seit der 1960er Jahre sein," wird der Initiator der Studie, Professor Martin Hrabe de Angelis, in der Mitteilung zitiert.

Da epigenetische Vererbung anders als die genetische prinzipiell reversibel sei, hoffen die Forscher nun auf neue Chancen, Adipositas und Diabetes zu Leibe zu rücken.

An der Studie waren auch Forscher der Technischen Universität München und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) beteiligt. (dpa)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Neuropathie-Test 2.0 – Handy-Vibration ersetzt Stimmgabel

Es genügt ein Handy mit Vibrationsfunktion: An den Fuß eines Diabetespatienten gehalten, zeigt es Forschern zuverlässig an, ob dieser an einer peripheren Neuropathie leidet. mehr »

Pflegerat fordert 50.000 Stellen für die Krankenhäuser

Was hat die Pflegepolitik bewirkt? Die Meinungen sind gespalten: Gesundheitsminister Gröhe lobt die Erfolge der Koalition in der Pflegepolitik. Der Pflegerat hält dagegen. mehr »

Die Therapiekünste eines Kung-Fu-Meisters

Ein Kampfsportler stößt mit seinem Gesundheitskonzept bei Medizinern auf Interesse. Ein Arzt ist sogar geneigt, von einem Wunder nach der Therapie durch Chu Tan Cuong zu sprechen. mehr »