Ärzte Zeitung online, 11.07.2017
 

Zuckergipfel

Warum nicht auch einen Brötchen-, Pasta-, Kartoffel- oder Reisgipfel?

Eine einfache Formel dominiert zurzeit die Diskussion um die Prävention von Adipositas und Diabetes: Weniger Zucker in Nahrungsmitteln führe zur weniger Erkrankungen und weniger Kosten. Diese Fokussierung ist aber bei Weitem zu kurz gedacht.

Von Professor Stephan Martin

Warum nicht auch einen Brötchen-, Pasta-, Kartoffel- oder Reisgipfel?

Stärke landet schnell als Glukose im Blut.

© Strk / stock.adobe.com

Eine Woche vor dem G20-Gipfel wurde mit großer Pressebeteiligung ein weiterer Gipfel ausgerichtet: der 1. Deutsche Zuckergipfel. Dabei hat eine große Krankenkasse darauf hingewiesen, dass viele Nahrungsmittel enorme Mengen an Zucker enthalten, der für die Entwicklung von Übergewicht und Fettsucht verantwortlich sei. Das übermäßige Gewicht wiederum führt zu vielen Erkrankungen wie zum Beispiel Typ-2-Diabetes, der das Gesundheitssystem mit vielen Milliarden Euro belastet. Die einfache Formel der Lösung: weniger Zucker in den Nahrungsmitteln, folglich weniger Erkrankungen und Kosten. Doch stimmt dies wirklich?

Übermäßiger Zuckergehalt in der Ernährung ist eindeutig schlecht, und es ist unumstritten, dass eine deutliche Reduktion des Zuckerkonsums angestrebt werden muss. Vor allem versteckte Zucker in Fertiggerichten, Saucen und insbesondere in Getränken sollten dringend reduziert oder zumindest deutlicher deklariert werden. Jedoch ist die Fokussierung auf einen Faktor bei Weitem zu kurz gedacht.

Der angeprangerte Haushaltszucker besteht aus je einem Molekül Glukose und Fruktose. Die Gewichts-erhöhende Wirkung des Haushaltszuckers wird primär durch Glukose-induzierte Insulinausschüttung ausgelöst. Insulin senkt nämlich nicht nur den Blutzucker, sondern blockiert auch die Fettverbrennung. Das heißt, wenn jemand hofft, durch abendliches Joggen seine Fettverbrennung anzukurbeln und danach die verlorenen Elektrolyte durch ein alkoholfreies Weizen zurückholt, erreicht er durch die Kohlenhydrate aus dem Bier eine Insulinausschüttung und ein abruptes Ende der Fettverbrennung.

Stärke wird in Sekunden zu Glukose abgebaut

Je übergewichtiger jemand ist, umso stärker ist die Insulinausschüttung, wie eine aktuelle Analyse sehr schön belegt (PLoS One. 2016; 11(3): e0150803). Im Vergleich zu Normalgewichtigen führte eine Stimulation mit unterschiedlichen Glukosemengen zu einer 2,8- bis 4,5-fach höheren Insulinsekretion. Aber auch schon im Nüchternzustand lagen die basalen Insulinspiegel bei Adipösen signifikant höher als bei den Normalgewichtigen. Das bedeutet, wer adipös ist, hat schon im Nüchternzustand eine schlechtere Fettverbrennung und blockiert diese noch weiter, wenn er auch nur kleine Mengen Glukose konsumiert. Daher stellt sich zum einen die Frage, warum Normalgewichtige auf Zucker verzichten sollen? Zum anderen fragt man sich, ob nur der Haushaltszucker die Insulinausschüttung auslöst?

Bekannterweise besteht auch Stärke, die in vielen Sättigungsbeilagen wie Backwaren, Kartoffeln, Nudeln oder Reis enthalten ist, aus vielen aneinandergereihten Glukosemolekülen. Kommen diese in den Gastrointestinaltrakt, werden sie in Sekunden in pure Glukose gespalten. Kartoffelbrei und viele andere stärkehaltige Nahrungsmittel – hier empfiehlt sich ein Blick in eine Tabelle – haben einen höheren glykämischen Index als Zucker! Somit muss man nicht nur vor Haushaltszucker, sondern auch vor Brötchen, Nudeln, Kartoffeln und Reis warnen.

Falsche Anreize für Krankenkassen

Sind den Initiatoren des Zuckergipfels diese Zusammenhänge nicht bekannt oder nutzt man das "postfaktische" Zeitalter, um schnell einen Schuldigen zu finden und von eigenen Fehlern abzulenken? Warum wird in den von den Krankenkassen bezahlten und zum Teil sogar selbst durchgeführten Ernährungsberatungen mehr als 50 Prozent der Energiezufuhr in Form von Kohlenhydraten empfohlen?

Wenn es um manifeste Erkrankungen geht, wird der überwiegende Teil der gesetzlichen Krankenkassen ziemlich einsilbig. Die meisten lehnen bisher eine Finanzierung von wissenschaftlich evaluierten Lebensstil-Interventionsprogrammen, wie das kürzlich von uns publizierte Telemedizinische Lifestyle Programm bei Typ-2-Diabetes (Diabetes Care 2017; 40: 863) ab. Zum Teil verweisen sie auf eigene bisher nicht wissenschaftlich evaluierte Programme. Zum anderen scheinen die finanziellen Anreize im Risikostrukturausgleich eine Rolle zu spielen. Es ist ja auch verständlich, dass man von Kassenseite vor der Finanzierung von Programmen zurückschreckt, die im Extremfall dazu führen, dass der Betroffene seinen Typ-2-Diabetes besiegt. Denn gelingt es einem Patienten mit Typ-2-Diabetes, durch eine dramatische Gewichtsabnahme von einer Insulintherapie wegzukommen, verliert die Krankenkasse die sogenannte HMG20, eine Insulinkopfpauschale von 2249 Euro, die der Risikostrukturausgleich seit Jahren vorsieht. Kommt der Typ-2-Diabetes sogar in eine klinische Remission, wie es englische Forscher zeigen konnten (Diabet Med. 2015; 32: 1149), dann geht zudem die komplette Zuwendung für das DMP Typ-2-Programm "flöten".

Die dem steigenden Gewicht zugrunde liegenden Ursachen sind vielschichtig. Sich nur ein Nahrungsmittel vorzunehmen und als alleinigen Schuldigen anzuprangern, wird der Gesamtproblematik nicht gerecht. Es birgt sogar die Gefahr, dass man sich hinter dieser einzigen Maßnahme versteckt und die anderen Ursachen über Jahre vernachlässigt werden. So hat man in den 1970er Jahren mit der weltweiten Verteufelung von Fetten versucht, das Problem der Atherosklerose in den Griff zu bekommen. Heute wissen wir, dass diese evidenzfreie Empfehlung nichts an der Entwicklung der Atherosklerose gemacht hat. Sie hat vielmehr dazu beigetragen, das weltweite Körpergewicht in die Höhe zu treiben. Wenn man schon einen Zuckergipfel veranstaltet, dann sollte man auch über Brötchen-, Pasta-, Kartoffel- oder Reisgipfel nachdenken!

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

[12.07.2017, 12:10:47]
Karl-Otmar Stenger 
Zucker-Salz-Fett
Sieht man sich das an, was Prof. McGregor vorgetragen hatte, so fragt man sich, wie unser Landwirtschaftsminister sich derart störrisch wirkungsvollen Maßnahmen widersetzt. Seine Parteikollegen warnen ja auch, dass man dem öffentlichen Druck bloß nicht nachgeben darf; denn wohin soll das führen: Es droht die Arbeitsplatzverlust von hunderten von Lobbyisten.
Die AOK hatte es gut gemeint mit dem 1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel. Nur gehört dieses Thema auf die europäische Ebene. Dort gibt es die Zuckermarktordnung mit einem Quotenvolumen von 18 Mio. Tonnen Zucker. Das ist etwa das vierfache von dem, was heruntergerechnet auf jeden EU-Bürger laut WHO unbedenklich wäre. Hinzu kommen ja auch noch die quantitativ nicht erfassten Kohlenhydrate, die schnell in Glukose umgewandelt werden können. Die spannende Frage ist, was passiert nach dem 1.10.2017, dem Datum, an dem die Quotenregelung aufgehoben ist. Diese Entscheidung der Vertretung der EU-Mitgliedsstaaten geht auf die Drohung der WTO zurück, den Handel mit Ländern außerhalb der EU wieder frei zu machen, ansonsten drohen Strafen.
Die Prognose, dass sich der Zuckerkonsum längerfristig verringern werde, kann so nicht stimmen. M. E. ist dieser unmäßige Zuckerkonsum als erste Priorität eine Bedrohung für uns alle, auch wenn Prof. McGregor in das Thema Reduktion von Salz verliebt ist.
Mein Vorschlag: Nehmen wir die Strafe von der WTO hin und besteuern wir Zucker so, dass er wieder als Luxusgut zu bewerten ist (und finanzieren wir so die Strafe). Wenn keine neue Steuer gewünscht wird, nennen wir die Branntweinsteuer in Alkoholsteuer um. Wer will ernsthaft bezweifeln, dass chemisch gesehen Zucker eine Art Alkohol ist. Eine Fettsteuer erübrigt sich dann auch, weil die Kalorien, die wir benötigen, ja irgendwo herkommen müssen, und nicht nur Glukose sondern besser auch Ketone gut für unsere Hirnleistung sind. Prof. S. Martin hat damit recht, dass eine Empfehlung zur Einschränkung der Fettzufuhr evidenzfrei ist ("high-carb" und "high-fat" gleichzeitig muss ausgeschlossen werden).
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[11.07.2017, 14:00:27]
Thomas Georg Schätzler 
LOGO!?
Wenn schon einen Zuckergipfel, dann auch einen Brötchen-, Pasta-, Kartoffel- und Reisgipfel. Denn eine erfolgreiche Zuckerreduktion ändert nichts an den global veränderten Ernährungsgewohnheiten mit Kohlenhydrat-Mast und metabolischem Syndrom.

Pünktlich um 18.00 Uhr Ortszeit öffnen von Alaska bis Feuerland, von Trondheim bis Kapstadt, von der Kamtschatka-Halbinsel bis Japan, von Peking bis Neu-Delhi, von Sydney bis zu den Philippinen die Pizza-, Pasta-, Pommes-, Wurst-Brötchen-, Sushi- und Soja-Läden dieser Welt. Milliardenfach stürzt sich die Menschheit besinnungslos auf Kohlenhydrat-lastige Ernährung, Süß- und Alkoholgetränke, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[11.07.2017, 10:40:27]
Karl-Otmar Stenger 
Stoffwechsel bei Adipositas funktioniert anders
Wenn über Haushaltszucker gesprochen wird, wissen fast alle, dass es sich um Sucrose, also ein Disaccharid bestehend aus Glukose und Fruktose, handelt. In der weiteren Diskussion kommt Fruktose dann aber nicht mehr vor; denn man lernt an der Uni - und später nichts dazu -, dass es so gut wie keinen Unterschied macht. Weit gefehlt: Im Gegensatz zu Glukose wird Fruktose unkontrolliert vom Darm aufgenommen. Wenn das Molekül in der Leberzelle angekommen ist, wird sofort Phosphat angehängt, dann zerfällt es in zwei Hälften: C3-Körper, die als Basis für Triglyceride dienen. Die Phosphorylierung von Fruktose mittels Fruktokinase geht - je nach Menge von Fruktose - so schnell, dass die Zelle ihre energiereichen Phosphate verbraucht. Die nackten Trägersubstanzen (AMP etc.) werden abgebaut. Es entsteht Harnsäure. Dieses Molekül signalisiert den Mitochondrien, dass es gilt, Fett zu akkumulieren (ganz wichtig im Tierreich).
Bei Adipositas dauert es dem Stoffwechsel zu lange mit Fruktokinase A, daher kommt jetzt Fruktokinase C mit ins Spiel. Dieses Enzym wird bei andauernder Exposition mit Fruktose schon nicht nur in der Dünndarmschleimhaut reichlich nachproduziert. Es ist für die lokalen Entzündungsreaktionen, Insulinresistenz und Leptinresistenz verantwortlich und verlangt immer mehr Fruktose. Auch wenn nur Glukose / Stärke zugeführt wird, liefert der Stoffwechsel über den Pentose-Phosphat-Shunt Fruktose nach.
Dass Fruktokinase C von Bedeutung ist, erfährt derjenige, der sich einer Magenbypass-Op. unterzieht. Bereits direkt postop. wird sein Stoffwechsel plötzlich besser, ein Diabetes kann plötzlich gut eingestellt werden oder verschwindet sogar. Die mit Fruktokinase C beladenen Dünndarmschleimhautzellen kommen jetzt nicht mehr direkt mit dem Speisebrei in Kontakt!
Übrigens: Menschen mit einer essenziellen Fruktosurie sind frei von Zivilisationserkrankungen; denn die Fruktokinase ist mutiert / defekt.
Quellen u. a.: Richard J. Johnson, Der Fettschalter, Hachinger 2015(ISBN 9783871854972); J. Mercola, Fat for Fuel, hayhouse 2017 (ISBN 9781401953775) zum Beitrag »

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