Ärzte Zeitung, 18.10.2017
 

Experten-Kommentar

Fettarm, kohlenhydratreich: Ein Ernährungs-Dogma ohne wissenschaftliche Evidenz

Von Prof. Stephan Martin

zur Galerie klicken

Kaum ein anderer Bereich der Wissenschaft muss seit Jahren mit Negativ-Erfolgen kämpfen, wie die Ernährungswissenschaft. Seit über 30 Jahren passiert nämlich genau das Gegenteil von dem, was man bewirken will: Die Rate an Übergewicht und Adipositas steigt kontinuierlich an. Jedoch erinnert die Community der Ernährungswissenschaftler externe Beobachter eher an eine Weltreligion als an Wissenschaft!

Eine der wichtigen Glaubenssätze ist, dass Nahrungsfette gefährlich sind und dass sich die Menschen eine Ernährung mit weniger als 30 Prozent Fett, aber mindestens 50 Prozent Kohlenhydraten zu sich nehmen sollten. Eine kleine Gruppe an Ernährungswissenschaftler vertritt jedoch die Ansicht, dass die dramatische, weltweite Gewichtszunahme durch die Fettreduktion in der Nahrung überhaupt erst verursacht wurde und dass eher die Kohlenhydrate gefährlich sind.

zur Galerie klicken

Prof. Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

© WDGZ

Diese Gruppe hat nun durch die PURE-Studie Rückenwind erhalten. Die Ergebnisse wurden Ende August beim europäischen Kardiologenkongress präsentiert und zeitgleich im Fachblatt "The Lancet" publiziert (Lancet 2017; online 28. August). In dieser prospektiven Beobachtungsstudie konnte kein günstiger Effekt einer reduzierten Fettaufnahme gefunden werden, jedoch stieg die Mortalität bei erhöhtem Kohlenhydratkonsum deutlich an. Bei dieser Studie handelt es sich – wie so oft in der Ernährungswissenschaft – um eine Beobachtungsstudie, die Assoziationen beschreibt, aber keine Kausalität klären kann.

Kontrollierte Endpunktstudien fehlen

Die Empfehlung einer Fettreduktion stammt aus dem Jahr 1977 als der US-amerikanische Kongress eine Expertenkommission einberufen hatte. Diese sollte Vorschläge erarbeiten, wie man durch eine Änderung der Ernährung das kardiovaskuläre Risiko senken kann. Da die atheromatösen Plaques Lipide enthalten und zudem in Nahrungsfetten doppelt so viele Kalorien wie in Kohlenhydraten enthalten sind, hat sich diese Kommission für die weitreichenden Empfehlungen zur Reduktion von Fetten in der Ernährung ausgesprochen. Die Empfehlungen wurden dann weltweit übernommen und in allen Ländern dieser Erde umgesetzt.

Vor zwei Jahren hat eine Forschergruppe aus Großbritannien im Rahmen eines systematischen Reviews und Metaanalyse (Open Heart 2015; 2: e000196) überprüft, welche Daten der im Jahr 1977 tagenden Kommission vorlagen. Sie kamen zum Schluss, dass damals keine wissenschaftliche Evidenz aus randomisierten Studien vorlag, die eine so weitreichende Ernährungsempfehlung hätte rechtfertigen können. Das weltweite Ernährungsexperiment wurde also auf Beobachtungsstudien und zu großen Teilen auf "Eminenz-basierten" Wahrheiten aufgebaut. Eine randomisierte Endpunktstudie mit über 7500 Personen mit einem hohen kardiovaskulären Risiko wurde erst im Jahr 2013 veröffentlicht (N Engl J Med 2013, 368: 1279-1290). In dieser Studie wurde eine fettreduzierte Ernährung mit einer mediterranen Ernährung verglichen, bei der Nahrungsfette – in der einen Gruppe Olivenöl und in der anderen Nüsse – supplementiert wurden. Diese spanische Studie musste aufgrund des Votums der unabhängigen Ethikkommission nach 4,5 Jahren abgebrochen werden: Der primäre kombinierte Endpunkt (3-MACE: tödliche kardiovaskuläre Ereignisse, Myokardinfarkt und Apoplex) lag in der fettreduzierten Kontrollgruppe signifikant um 30 Prozent höher als in den beiden Gruppen mit hoher Fettzufuhr.

Zucker- und "Low fat"-Lobby

Ganze Industriezweige fußen mittlerweile auf der Vermarktung von "low fat"-Produkten. Häufig wird dabei das fehlende Fett durch den Zusatz von Zucker ausgeglichen. Ein weiterer Grund, dass sich damals die fettarme Ernährungsempfehlung bilden konnte, lieferte eine 2016 in der Zeitschrift "JAMA Internal Medicine" publizierte Arbeit (JAMA Intern Med 2016; 176: 1680-1685). Danach sind zu dem Thema im Jahr 1967 zwei wichtige und viel zitierte Übersichtsarbeiten im "New England Journal of Medicine" publiziert worden. Wissenschaftler der Harvard Universität haben darin die damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengestellt. In der Zusammenfassung – die ja in der Regel nur gelesen wird – haben sie sich auf die Nahrungsfette "als Feind" festgelegt. In der Arbeit aus dem letzten Jahr wurde nun aufgedeckt, dass die Autoren der Übersichtsarbeiten für die damalige Zeit nicht unerhebliche Honorare der Zuckerindustrie erhalten und dies verheimlicht hatten.

Langjährige Überzeugungen

Viel wichtiger als mögliche finanzielle Anreize aus der Nahrungsmittelindustrie sind heute sicher langjährige Überzeugungen. Wer 30 Jahre seines beruflichen Lebens an den Gefahren von Nahrungsfetten geforscht hat, möchte sein Lebenswerk nicht durch neue gegenteilige Erkenntnisse gefährden. Auch muss man sich den unglaublichen Aufwand einmal vorstellen, wenn man alle Patientenbroschüren mit Ratschlägen zur Ernährung komplett überarbeiten müsste. Vielleicht trifft auf die aktuelle Situation das Zitat von Max Planck zu, der resümierte: Die Wahrheit triumphiert nie, ihre Gegner sterben nur aus.

[18.10.2017, 14:03:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ich würde es noch etwas spitzzüngiger formulieren!
Die DGE - nichts begriffen, nichts dazugelernt!
Die Publikation: "Associations of fats and carbohydrate intake with cardiovascular disease and mortality in 18 countries from five continents (PURE): a prospective cohort study" von Mahshid Dehghan et al. http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(17)32252-3/fulltext
ist eine Meilenstein-Studie, was rationale, kritisch-konstruktive Ernährungsempfehlungen und kardiovaskuläre Erkrankungsrisiken bzw. allgemeine Mortalitätsdaten angeht.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sollte mit ihrem bisherigen "Fettaugen-Zählen" bzw. ihren Low-Fat- und High-Carb-Strategien, welche sie entgegen allen Low-Carb- und High-Fat- Experten-Voten (stellvertretend Prof. Nicolai Worm) nahezu postfaktisch mit Vehemenz vertreten hatte, zunächst einmal herbe Selbstkritik leisten.

Denn dass die DGE mit ihren 10-Punkte-Regeln auf einen fahrenden Zug aufspringen, zugleich bei PURE-Detailkritik aber punkten will, spricht für fehlend Einsicht und Reflexionsfähigkeit bei gleichzeitig unangemessener Selbstüberschätzung.

Die vorauslaufende Publikation: "Association of Changes in Diet Quality with Total and Cause-Specific Mortality" von Mercedes Sotos-Prieto et al. http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1613502
war formal und inhaltlich eine vorläufige Ergänzung zur aktuellen PURE-Studie: Mehr und qualitativ hochwertige Fette waren gefordert, statt der erst kürzlich endlich revidierten, irrigen Kohlenhydrat-Mast-Empfehlungen durch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) http://www.t-online.de/gesundheit/ernaehrung/id_82039784/tid_amp/deutsche-gesellschaft-fuer-ernaehrung-dge-aendert-empfehlungen.html

1. Wenn bei Teilnehmern, die sich nach den Regeln des “Alternate Healthy Eating Index”/AHEI (Ernährungsempfehlung der US-amerikanischen Regierung) ernähren, welcher Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Fisch, weißes Fleisch (?), Soja, Hülsenfrüchte, Tofu, ungesättigte Fettsäuren und ungesüßte Getränke bevorzugen soll, das allgemeine Sterberisiko (“all-cause mortality”) auf 0,91 (95% Konfidenzintervall (KI) 0,85 – 0,97) gegenüber 1,0 der Vergleichsgruppe mit konventioneller Ernährung sinkt. 

2. Wenn unter den “Dietary Approaches to Stop Hypertension”/DASH (speziell für Hypertoniker empfohlenen AHEI Ernährung mit zusätzlicher Verringerung von Kochsalz durch alternative Verwendung von Kräutern und Gewürzen, fettarmer Milch, wenig rotem Fleisch) das Sterberisiko der Teilnehmer auf 0,89 (95% KI 0,84 – 0,95) gegenüber 1,0 sinkt. 

3. Und wenn unter der “Alternate Mediterranean Diet” (AMD) das Sterberisikos sogar auf 0,84 (95% KI, 0,78 – 0,91) gegenüber 1,0 der Vergleichsgruppe mit konventioneller Ernährung sinkt... 

Dann hat doch die AMD als eine für Mittelmeerländer typische Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Salat, Fisch und fettreichem Käse, aber auch Weißbrot, bzw. Pasta und Pizza als Vorspeisen (!), Rotwein, rotem Fleisch, reichlich pflanzlichen Ölen und fettreichen Nüssen und keinem Zwang zu fettarmen Milch-(Produkten) rein statistisch die besten Ergebnisse gezeigt. 

Aber die Schlussfolgerungen von “Association of Changes in Diet Quality with Total and Cause-Specific Mortality” von Mercedes Sotos-Prieto et al.http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1613502 lauteten ganz unverbindlich: “Conclusions – Improved diet quality over 12 years was consistently associated with a decreased risk of death (Funded by the National Institutes of Health)”, also die verbesserte Qualität a l l e r drei Ernährungsvarianten und veränderten Ernährungsgewohnheiten bewirken eine übereinstimmende Assoziation zur Senkung des Sterberisikos. 

Zugleich behaupten die Autorinnen und Autoren aber auch, je länger und konsequenter diese Diätveränderungen über 12 Jahre eingehalten würden, hätten der Alternate Healthy Eating Index (AHEI) score mit 14% allgemeiner Sterberisiko-Senkung besser als der Alternate Mediterranean Diet (AMD) score mit 11% bzw. der DASH score mit nur 9% abgeschnitten. [“Among participants who maintained a high-quality diet over a 12-year period, the risk of death from any cause was significantly lower — by 14% (95% CI, 8 to 19) when assessed with the Alternate Healthy Eating Index score, 11% (95% CI, 5 to 18) when assessed with the Alternate Mediterranean Diet score, and 9% (95% CI, 2 to 15) when assessed with the DASH score — than the risk among participants with consistently low diet scores over time.”] 

Am höchsten sei das allgemeine Sterberisiko für diejenigen mit konstant niedrigen Diät-Scores über die 12 Beobachtungsjahre gewesen. Keineswegs sind die folgenden Diäten untereinander hochsignifikant besser oder schlechter: 
1. Der veränderte "Gesunden Ernährungs-Index-Score“ 
2. Die veränderte "mediterrane Diät" 
3. Der "diätetische Zugang zum Hypertonie-Stopp" 
["Alternate Healthy Eating Index–2010 score, the Alternate Mediterranean Diet score, and the Dietary Approaches to Stop Hypertension (DASH) diet score"]. 

Mit Spannung warte ich auf eine aktualisierte 11. Ernährungs-Regel der DGE, mit der sie endlich zerknirscht ihre eigenen krassen historischen Fehleinschätzungen zugibt und zukünftige Besserung gelobt!
http://www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/10-regeln-der-dge/

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Quellen: "Association of Changes in Diet Quality with Total and Cause-Specific Mortality" von Mercedes Sotos-Prieto et al. http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1613502
und
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/bluthochdruck/article/940439/besser-essen-laenger-leben-studie-belegt-wirkung-dash-diaet.html zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »