Ärzte Zeitung online, 30.11.2017
 

EU-finanzierte Studie

Kein Appetit plus Herzschwäche: eine schlechte Kombi

Herzinsuffizienz-Patienten mit schlechtem Appetit haben auch eine relativ schlechte Prognose, melden Herzforscher. Faktoren, die Appetitlosigkeit begünstigen, sind dabei zum Beispiel die Einnahme von Diuretika und Entzündungen.

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Herzkranke, die keinen Appetit verspüren, haben schlechtere Prognosen.

GÖTTINGEN. Appetitlosigkeit ist eine häufige Begleiterscheinung bei Herzinsuffizienz. Dennoch war bislang wenig darüber bekannt, wie sich die verminderte Esslust auf den Krankheitsverlauf bei Herzinsuffizienz-Patienten auswirkt.

Privatdozent Dr. Dr. Stephan von Haehling von der Universitätsmedizin Göttingen und seine Kollegen haben deshalb in der EU-finanzierten SICA-HF-Studie (Studies Investigating Co-morbidities Aggravating Heart Failure) untersucht, ob sich Appetitlosigkeit auf die körperliche Leistungsfähigkeit und die Überlebensrate von Herzschwäche-Patienten auswirkt (ESC heart failure 2017; online 27. September). Darüber hinaus haben sie nach Faktoren gesucht, die zum Verlust des Appetits beitragen können.

Rund ein Drittel der in der Studie berücksichtigten 166 klinisch stabilen, nicht stationären Herzinsuffizienz-Patienten gab an, unter Appetitlosigkeit zu leiden, wie das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) in einer Mitteilung zur Studie berichtet. Die körperliche Leistungsfähigkeit der Studienteilnehmer wurde unter anderem mit Gleichgewichtsübungen, einem Sechs-Minuten-Gehtest sowie Tests zur Ausdauer und Kraft ermittelt.

Die Forscher stellten fest, dass die Leistung schlechter war, wenn sich der Appetit der Studienteilnehmer verringert hatte. Die Fitness war sogar noch stärker eingeschränkt, wenn zusätzlich zur Appetitlosigkeit ein ungewollter, starker Gewichtsverlust, also eine Kachexie, vorlag.

Mehr Todesfälle bei Appetitlosigkeit

Die Göttinger Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) fanden außerdem heraus, dass das Sterberisiko im Lauf von zwei Jahren erhöht ist, wenn Herzinsuffizienz-Patienten weniger Appetit haben. Kachexie hatte auch hier einen zusätzlichen negativen Effekt. "Das Zusammenspiel von Kachexie und Appetitlosigkeit ist komplex und auch bei anderen chronischen Erkrankungen ein Problem", wird von Haehling in der DZHK-Mitteilung zitiert. "So ist das ,Anorexie-Kachexie-Syndrom' etwa bei Krebspatienten als negative Krankheitsfolge bekannt und seine Behandlung stellt eine große Herausforderung dar."

Auf der Suche nach Faktoren, die Appetitlosigkeit bei Herzinsuffizienz begünstigen, fanden die Wissenschaftler drei unabhängige Vorhersagemerkmale: die Aktivierung von Entzündungshormonen, die Einnahme von Schleifen-Diuretika und Kachexie. "Bei Herzschwäche-Patienten liegen an sich schon erhöhte Entzündungswerte vor, wenn diese Werte noch überschritten werden, wird es wahrscheinlicher, dass der Appetit schwindet", erklärt von Haehling. Die Schleifen-Diuretika können vermutlich über den Verlust von Spurenelementen wie Zink dazu führen, dass der Geschmackssinn und damit auch der Appetit nachlassen.

Bei Patienten auf Ernährung achten

Die Wissenschaftler empfehlen behandelnden Ärzten, die Ernährungsgewohnheiten und den Ernährungszustand ihrer Patienten bei der Behandlung im Blick zu haben. "Diese Faktoren sollten ein grundlegender Bestandteil bei der medizinischen Gesamtbeurteilung von Herzschwäche-Patienten sein", sagt von Haehling.

Laut Angaben der Göttinger Wissenschaftler sind 80 Prozent der Herzschwäche-Patienten ältere Menschen, die häufig unter Begleiterkrankungen leiden, die ihre Lebensqualität aber auch die Lebenszeit massiv einschränken. Neben Appetitlosigkeit seien dies Begleiterkrankungen wie Muskelschwund und der dadurch entstehende Gewichtsverlust. Appetitlosigkeit sei daher nur eines der häufigsten Probleme dieser Patienten. (eb)

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