Ärzte Zeitung online, 08.05.2018

Deutschland

Schlaganfall-Versorgung mit Licht und Schatten

Fortschritte bei der Akuttherapie, Probleme bei der Nachsorge: Zum "Tag gegen den Schlaganfall" wird deutlich, dass bei der Versorgung der jährlich etwa 270.000 Betroffenen in Deutschland Licht und Schatten eng beieinander liegen.

Von Wolfgang Geissel

Lob und Kritik zum Tag gegen den Schlaganfall

Diagnose Schlaganfall. Bei der Behandlung sind große Erfolge zu verzeichnen.

© Zerbor / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Schlaganfall ist in Deutschland der häufigste Grund für Behinderungen bei Erwachsenen. Jeder zweite hat nach dem Hirninfarkt ein bleibendes neurologisches oder neuropsychologisches Defizit, berichtet die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) in einer Mitteilung zum "Tag gegen den Schlaganfall" am 10. Mai.

Aber es gibt Fortschritte: "Wir haben hierzulande eine der besten flächendeckenden Versorgungen beim akuten, ischämischen Schlaganfall", wird der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie, Professor Arnd Dörfler aus Erlangen, in der Mitteilung zitiert.

Erst seit 2015 ist die mechanische Thrombektomie zur Wiedereröffnung eines größeren verschlossenen Hirngefäßes Goldstandard bei der Behandlung schwerer ischämischer Hirninfarkte.

"Lazarus-Effekt" auf dem OP-Tisch

Mittlerweile sei die Technik so weit verfeinert worden, dass fast 90 Prozent aller Gefäße wiedergeöffnet werden können. Der Behandlungserfolg stelle sich oft sogar noch während der Intervention ein, betont Dörfler in der Mitteilung.

Man spricht dann vom "Lazarus-Effekt", wenn Patienten nach Entfernung des Thrombus bereits auf dem OP-Tisch wieder sprechen oder vormals gelähmte Gliedmaßen bewegen können.

Auch der Anteil der Patienten wächst, die von dem Verfahren profitieren können. Zunächst galten sechs Stunden nach Auftreten der ersten Symptome als Zeitfenster für die Methode, nach neuen Studiendaten kann die Behandlung Betroffenen auch noch nach 16 bis 24 Stunden nützen. Die AWMF schätzt, dass 13.000 bis 16 .000 Patienten davon profitieren könnten.

In Deutschland hat sich die Methode zudem schnell verbreitet: 2016 wurden nach Angaben der AWMF 8852 Betroffene mit ischämischem Schlaganfall mit mechanischer Thrombektomie behandelt, 2017 waren es bereits 10.680. Im vergangenen Jahr seien zudem 323 Fachärzte für die neuro-interventionelle Schlaganfallbehandlung zertifiziert worden.

Hohe Hürden bei Aphasie-Therapie

Es hapert in Deutschland aber häufig an der Nachsorge im Anschluss an die Akut- und Reha-Behandlung. Diese ist absolut notwendig, um Folgeschäden zu minimieren und um weiteren Komplikationen und Rezidiven vorzubeugen. Die AWMF hat kürzlich in einer anderen Mitteilung kritisiert, dass Regelungen dazu fehlten.

Eine strukturierte ambulante Nachsorge – bei der die Hausärzte intensiv eingebunden werden – könne hier für Verbesserungen sorgen, so die Fachgesellschaften. Bereits vor der Entlassung aus der Klinik muss der Hausarzt informiert werden. Dann kann er zusammen mit den Angehörigen die Weiterversorgung zu Hause planen,

Ein Beispiel für Defizite bei der Nachsorge ist auch die Aphasie, an der 30 bis 40 Prozent aller Schlaganfall-Patienten zumindest vorübergehend leiden. Betroffen sind nach Angaben der AWMF in Deutschland etwa 100.000 Patienten.

"Das ganze Ausmaß der Aphasie ist viel zu wenig bekannt", sagte der Chefarzt der Neurologie der Klinik Niedersachsen, Privatdozent Dr. Hans Jörg Stürenburg, zur Nachrichtenagentur "dpa": Manche verstummen vollständig, andere können nur noch Ja und Nein sagen.

Einige vertauschen Laute und Wörter, können keine ganzen Sätze mehr bilden oder haben Wortfindungsstörungen. Eine Aphasie betrifft oft auch das Verstehen, Lesen und Schreiben. Wichtig sei, möglichst früh mit intensiver Sprachtherapie zu beginnen.

Oft bürokratische Hürden

Für diese Behandlung müssen Betroffene aber häufig hohe bürokratische Hürden überwinden, kritisiert der Bundesverband Aphasie. Die Krankenkassen müssten die Kostenübernahme und die Genehmigung der intensiven ambulanten Sprachtherapie vereinfachen, fordert der Selbsthilfeverband.

Dass sich bei Aphasie eine Therapie auch noch längere Zeit nach dem Ereignis lohnt, hat eine aktuelle Studie unter Leitung von Sprachforschern der Universität Münster ergeben.

Darin wurde belegt, dass die intensive Sprachtherapie für Betroffene auch dann noch wirkt, wenn der Schlaganfall ein halbes Jahr oder länger zurückliegt (Lancet 2017; 389: 1528).

Mithilfe intensiver Sprachtherapie können dabei nicht betroffene Hirnbereiche die Funktionen des gestörten Sprachzentrums übernehmen. (mit Material von dpa)

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