Direkt zum Inhaltsbereich

Verzögerte Hilfe bei Schlaganfall

Enge Familienbande kann tödlich sein

Die Familie schafft Sicherheit – manchmal kosten sie aber auch das Leben. Eine Studie hat ergeben, dass Patienten nach Apoplexie schneller in eine Klinik eingeliefert werden, wenn Freunde, Nachbarn oder Kollegen statt Familienmitgliedern in der Nähe sind – Die Ursache: Kollegen dulden keine Diskussion.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht:
Familie: Keimzelle der Freude? Kann schon sein, aber Kollegen sind anscheinend besser darin, rechtzeitig den Arzt zu rufen.

Familie: Keimzelle der Freude? Kann schon sein, aber Kollegen sind anscheinend besser darin, rechtzeitig den Arzt zu rufen.

© kristian sekulic / Getty Images / iStock

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Wie hängt die Zeit bis zur Notfallbehandlung bei Schlaganfall vom sozialen Umfeld ab?
  • Antwort: Patienten mit engen Familienbindungen und wenigen Außenkontakten kommen häufig später in der Notaufnahme an als Patienten mit einem breiteren sozialen Umfeld.
  • Bedeutung: Enge Bindungen führen zum Herunterspielen der Symptome und häufiger zu Wait-and-see-Strategien.
  • Einschränkung: Einfluss unbekannter Störfaktoren.

BOSTON. Bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall entscheidet ja das Zeitfenster bis zur Notfalltherapie in der Klinik über die Prognose. Meist erkennen Anwesende die Symptome schneller als der Patient selbst.

Wie lang es sich hinzieht, bis der Betroffene die lebensrettenden Maßnahmen erhält, hängt allerdings offenbar auch von der Art seiner sozialen Umgebung ab. Paradoxerweise vergeht gerade bei Patienten, die in Gegenwart enger Familienmitglieder von einem Schlaganfall ereilt werden, mehr Zeit bis zur Alarmierung des Notarztes, als bei einem Patienten, der mit Personen zusammen ist, mit denen er nur lockeren Umgang pflegt.

Soziales Netz macht den Unterschied

Dr. Amar Dhand von der Harvard Medical School in Boston und Kollegen haben untersucht, welchen Einfluss das soziale Umfeld darauf hat, wann ein Patient im Notfall in der Klinik eintrifft (Nat Comm 2019; online 14. März).

Mit Netzwerkanalysen prüften sie den Einfluss verschiedener Personen auf die Situation bei 175 Schlaganfallpatienten mit vorwiegend leichten, überwiegend motorischen Störungen. 67 von ihnen kamen erst mehr als sechs Stunden nach Symptombeginn in der Klinik an.

Die multivariate Analyse ergab, dass Patienten, die erst spät in die Notaufnahme kamen, häufiger in ein enges soziales Netz weniger Personen eingebettet waren. Von offenen sozialen Netzwerken mit vielen verschiedenen Personen dagegen waren eher Schlaganfallpatienten umgeben, die rechtzeitig in die Klinik eingeliefert worden waren.

Zudem stellten die Forscher fest, dass Jüngere im Umfeld eines Betroffenen wohl schneller zum Telefon greifen, um Hilfe anzufordern, und unsportliche Personen oft zögerten.

Sie wählen meist ohne lange Diskussion die 112

Um die Umstände der Klinikeinlieferungen näher zu beleuchten, befragten die Forscher zwölf Patienten, die schnell und 15 Patienten, die verspätet eingeliefert worden waren, nach dem Ablauf der jeweiligen Situation.

Bei 75 Prozent der spät eingelieferten Patienten war die Person, die bei dem Schlaganfall anwesend war oder zuerst kontaktiert wurde, ein enges Familienmitglied. Bei Gesprächen direkt nach dem Ereignis wurden die Symptome häufig heruntergespielt, man beruhigte sich gegenseitig und entschloss sich, erst einmal abzuwarten.

Dagegen hatten nur 47 Prozent der früh in der Klinik eintreffenden Patienten Kontakt zu eng vertrauten Personen. Häufiger war ein Freund oder ein Fremder die erste Kontaktperson nach dem Ereignis. Auch die Kommunikation verlief hier offenbar anders: Patienten, die früh in der Notaufnahme eintrafen, offenbarten ihre Symptome schneller, bagatellisierten nicht und stellten die Aktionen der umgebenden Personen nicht infrage. So riefen etwa Kollegen ohne weitere Diskussion den Notarzt, wenn ihnen die Situation merkwürdig vorkam.

Die Ergebnisse legen den Autoren zufolge nahe, dass das Bewusstsein für die Symptome eines Schlaganfalls nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch im engen sozialen Umfeld gestärkt werden muss. Sie schlagen vor, dass Hausärzte Risikopatienten, die in engen Familienbindungen mit wenig Außenkontakten lebten, und deren Bezugspersonen eine Kurzintervention zur Aufklärung anbieten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Notruf – ohne Diskussion

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Empfehlungen für die Therapie

So holen Sie Ihre Patienten aus der Post-Stroke-Depression

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Logo Digiteneers - Vertidisan

© Digitineers

Digitineers

Bei Schwindel – Vertidisan®: Die Therapie-App

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Logo Cardisio

© Doctolib

Doctolib

Mehr Service: KI-Assistenz rund um die Privatbehandlung

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Eine schwangere Frau hält sich die rechte Bauchseite und telefoniert.

© T Mdlungu/peopleimages.com / Stock.adobe.com

Kasuistik

Schwangere mit akutem Abdomen: Der Blinddarm war es diesmal nicht

Bluttest

© NiDerLander / stock.adobe.com

Demenz erkennen

Neuer Ansatz für eine Alzheimer-Diagnostik mittels Bluttests