Ärzte Zeitung, 02.04.2007

INTERVIEW

Hormonersatztherapie bleibt wichtige Option

Bei starken klimakterischen Beschwerden bleibt die Hormonersatztherapie (HRT) eine wichtige Option, sagt Professor Olaf Ortmann aus Regensburg. Ihr großer Nutzen bei vasomotorischen Störungen wie Hitzewallungen sei hinreichend belegt, so Ortmann im Gespräch mit Ingrid Kreutz von der "Ärzte Zeitung". Die HRT und das Brustkrebsrisiko unter dieser Therapie ist Thema beim Gyn Update, das Ortmann gemeinsam mit Professor Andreas du Bois leitet. Bei der Veranstaltung werden wichtige neue Daten zu gynäkologischen Krebserkrankungen vorgestellt.

Ärzte Zeitung: Seit der Publikation der WHI (Women’s Health Initiative)-Studie im Jahre 2002 wird die HRT in der Peri- und Postmenopause zurückhaltender angewandt, nicht zuletzt wegen des erhöhten Brustkrebsrisikos. Gibt es seither wichtige neue Erkenntnisse zu Brustkrebs und HRT?

Professor Olaf Ortmann: Nach neuen Studienergebnissen ist davon auszugehen, dass das Brustkrebs-Risiko mit einer kombinierten Östrogen-Gestagen-Therapie langfristig noch etwas höher ist als in der WHI-Studie. Für die kombinierte HRT besteht jetzt kein Zweifel mehr, dass das Risiko für Mamma-Karzinome damit erhöht ist, signifikant aber erst nach mindestens vierjähriger Anwendungsdauer. In der WHI-Studie wurde unter einer Östrogen-Gestagen-Kombination eine relative Steigerung der Brustkrebsrate von 1,24 im Vergleich zu Placebo gefunden.

Ärzte Zeitung: Wie kommt es zu der Annahme, dass das Brustkrebs-Risiko in Wirklichkeit etwas höher ist?

Ortmann: In der WHI-Studie betrug die mediane Anwendungsdauer der Hormontherapie nur fünf Jahre. Bezieht man für die Bewertung des Brustkrebs-Risikos auch Studien ein, in denen Frauen länger mit einer kombinierten HRT behandelt wurden - und das entspricht wohl eher dem Praxisalltag - , dann kommt man auf eine Steigerung des relativen Brustkrebs-Risikos um den Faktor 1,7. Diese Zahl resultiert aus epidemiologischen Studien und aus Daten von Metaanalysen.

Ärzte Zeitung: Was bedeutet das in absoluten Zahlen?

Ortmann: Nach der WHI-Studie treten bei Anwendung einer kombinierter HRT 38 und mit Placebo 30 invasive Mamma-Karzinome pro 10 000 Frauen pro Jahr auf. Das sind also acht Malignome mehr mit HRT.

Geht man von einem relativen Brustkrebs-Risiko von 1,7 aus, ist mit zirka 20 Erkrankungen mehr pro 10 000 Frauen pro Jahr zu rechnen.

Ärzte Zeitung: Wie steht es um die Östrogen-Monotherapie bei hysterektomierten Frauen?

Ortmann: In der WHI-Studie gibt es keinen signifikanten Unterschied des relativen Brustkrebs-Risikos zwischen einer Östrogen-Monotherapie und Placebo. Das ist aber nicht sehr plausibel. So deuten Ergebnisse epidemiologischer Studien darauf hin, dass endogene Östrogene das Brustkrebs-Risiko steigern. Je früher die Menarche und je später die Menopause beginnt, desto höher ist das Brustkrebs-Risiko. Umgekehrt haben in relativ jungen Jahren ovarektomierte Frauen ein reduziertes Brustkrebs-Risiko. Die Dauer der WHI-Studie war wohl zu kurz, um eine solchen Zusammenhang nachzuweisen. Das bestätigt auch eine neue Metaanalyse von Studien mit langjähriger Östrogentherapie. Danach erhöht sich das relative Brustkrebs-Risiko um etwa den Faktor 1,2.

Ärzte Zeitung: Sollten Präparate zur HRT also künftig noch zurückhaltender verordnet werden?

Ortmann: Auch wenn das Brustkrebsrisiko wohl etwas höher ist als bisher vermutet, sollten wir die HRT Frauen mit starken klimakterischen Beschwerden nicht vorenthalten. Der große Nutzen dieser Therapie bei vasomotorischen Störungen wie Hitzewallungen ist hinreichend belegt. Patientinnen mit einem hohen Leidensdruck werden sich sicherlich in der Mehrzahl für eine HRT entscheiden, auch wenn man sie über das dadurch erhöhte Brustkrebs-Risiko aufklärt. Bei solchen Frauen sind die Risiken der Behandlung akzeptabel. Die Hormonersatztherapie sollte allerdings so niedrig wie möglich dosiert werden und nur so lange wie nötig erfolgen.

Gyn Update in Wiesbaden am 27. und 28. April

Die Update-Fortbildungsreihe bietet dieses Jahr erstmals eine Veranstaltung zum Thema Gynäkologie an. Termin ist der 27. und 28. April in Wiesbaden. Das Gyn Update vermittelt in einer zweitägigen Veranstaltung den aktuellen, internationalen Stand des klinisch relevanten Wissens zur Gynäkologischen Onkologie. Dabei geht es um Infektionen und Krebs, die Therapie von Frauen etwa mit Zervix-, Ovarial- oder Endometriumkarzinom. Auch endoskopische Operationen und sonografische Diagnostik stehen auf dem Fortbildungsprogramm.

Bei zwei Dritteln des zweiten Tages steht Brustkrebs im Mittelpunkt - von der Diagnostik über Lokaltherapie mit Op und Bestrahlung bis zur adjuvanten Therapie und zur Therapie von Frauen mit Metastasen. Die Veranstaltung wird voraussichtlich mit 16 CME-Punkten zertifiziert. Geleitet wird die Veranstaltung von Professor Andreas du Bois aus Wiesbaden und Professor Olaf Ortmann aus Regensburg .

Informationen und Anmeldung unter: www.gyn-update.com

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