Ärzte Zeitung online, 01.10.2018

Infektionen bei Kindern

Hier lassen sich Antibiotika einsparen

Wo lassen sich Antibiotika einsparen? Zum Beispiel beim oberen Atemwegsinfekt: Ein präventiver Effekt hinsichtlich Komplikationen jedenfalls scheint nicht zu bestehen.

Von Ludger Riem

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Bei vielen Erkrankungen ist Antibiotikaeinsatz unnötig.

© Bacho Foto - stock.adobe.com

LEIPZIG. Vor dem Hintergrund einer nach WHO-Einschätzung bedrohlichen Zunahme multiresistenter Bakterien erscheint ein restriktiver Umgang mit den derzeit verfügbaren Antibiotika ein Gebot der Stunde. Bei Patienten mit Infektionen der oberen Atemwege geht ein solches Vorgehen offenbar nicht mit einer erhöhten Komplikationsrate einher, zeigen die Ergebnisse einer prospektiven Kohortenstudie aus Schweden, die Professor Reinhard Berner, Universitätsklinikum Dresden, beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig vorgestellt hat.

Keine Zunahme von Pansinusitiden

Ermittelt wurde in dieser Studie unter anderem, ob der Einsatz von Antibiotika bei akuten Mittelohrentzündungen einen präventiven Effekt im Hinblick auf das Auftreten von Mastoitiden hat. Dies ist über alle Altersgruppen hinweg offenbar nicht beziehungsweise in einem nicht relevanten Ausmaß der Fall.

Um eine Mastoiditis zu verhindern, müssten Angaben Berners zufolge 16.000 Mittelohrentzündungen antibiotisch behandelt werden. Ebenso wenig fand sich trotz zurück gehendem Antibiotikagebrauch eine Zunahme von Peritonsillar-Abszessen, invasiven Infektionen mit A-Streptokokken, Orbitalphlegmonen, Epi- oder Subduralabszessen oder Pansinusitis.

Kritisch steht der pädiatrische Infektiologe einem gelegentlich propagierten Antibiotikaeinsatz bei akuter unkomplizierter Appendizitis im Kindesalter gegenüber. Ergebnisse einer Metaanalyse zum Vergleich zwischen chirurgischem und konservativem Vorgehen unterstützen diese kritische Sicht.

In die Metaanalyse waren die Daten von 404 Patienten aus fünf verwertbaren Studien eingeflossen. Von den 168 primär mit Antibiotika behandelten Patienten musste mehr als jeder dritte Patient binnen einen Jahres schließlich doch operiert werden, 16 (9,5 Prozent) bereits binnen vier Wochen. Dem theoretisch interessanten Ansatz eines primär konservativen Vorgehens steht Berner nicht zuletzt auch deshalb kritisch gegenüber, weil er ein hohes Risiko für nutzlose Antibiotikatherapien bei Verdacht auf Appendizitis mit sich bringe.

Wann müssen die Tonsillen raus?

Mit dem Skalpell etwas zurückhaltender umgehen sollten Ärzte möglicherweise dann, wenn es um die Indikationsstellung zur Tonsillektomie geht. In einer Populations-basierten dänischen Kohortenstudie unter Einschluss von weit über einer Million Kindern – geboren zwischen 1979 und 1999 – wurde die Korrelation zwischen Tonsillektomie- und Adenotomieraten und dem Langzeitrisiko von Atemwegsinfekten und allergischen Atemwegskrankheiten geprüft.

Dabei zeigte sich, dass der chirurgische Eingriff mit einem zwei- bis dreifach erhöhten Risiko für das Auftreten von Erkrankungen des oberen Respirationstrakts, für allergische Erkrankungen und für Infektionskrankheiten allgemein assoziiert ist.

Bezüglich solcher Erkrankungen, die durch den chirurgischen Eingriff eigentlich reduziert werden sollten, waren die Ergebnisse nach Darstellung Berners gemischt: Während Mittelohrentzündungen und Sinusitiden sogar deutlich häufiger auftraten, konnten immerhin günstige Effekte auf die obstruktive Schlafapnoe beobachtet werden. Den in einigen Regionen Deutschlands zu beobachtenden Trend zur "Tonsillen-freien Schule" unterstützen diese Daten sicher nicht.

Quelle: springermedizin.de

Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2018

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