Ärzte Zeitung online, 08.10.2018

BZgA-Impfumfrage

Es hakt bei der Grippeimpfung

Zu wenige Menschen lassen sich gegen Influenza impfen, insbesondere Risikogruppen. Die BZgA plädiert für mehr Aufmerksamkeit – und Einsicht.

Es hakt bei der Grippeimpfung

Angst und Skepsis: Viele Deutsche scheuen die Grippeimpfung. Auch Risikogruppen vermeiden diese vor allem aus einem Grund, so eine BZgA-Impfumfrage.

© DDRockstar / stock.adobe.com

KÖLN. Die Einstellung der Deutschen zum Thema Impfen hat sich verbessert, doch es bleibt noch deutlich Luft nach oben, resümiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aufgrund der Daten einer eigenen Umfrage und des BZgA-Forschungsberichts 2017.

So schätzen lediglich 47 Prozent der Befragten eine Grippeimpfung als besonders wichtig ein, selbst wenn ihnen eine solche empfohlen wird – schreibt die BZgA in einer Mitteilung. Nur 40 Prozent der Umfrageteilnehmer, die zu einer Risikogruppe gehören, gaben an, sich regelmäßig gegen Influenza impfen zu lassen.

Einer der Gründe für den Impfwiderwillen sei die fehlerhafte Einschätzung, dass die Influenza keine besonders schwere Erkrankung sei. "Eine echte Grippe ist keine einfache Erkältung, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung. Dass die Grippe nicht unterschätzt werden darf, verdeutlichen die hohen Erkrankungszahlen aus dem vergangenen Winter 2017/2018", so Dr. Heidrun Thaiss in der Meldung. Sie ist die Leiterin der Bundeszentrale.

 Der Forschungsbericht zum Thema Infektionsschutz wurde bereits im letzten Jahr publiziert, zum anstehenden Beginn der Grippesaison bezieht sich BZgA aber auf diese. Die repräsentative Umfrage zum Thema Impfen wurde bereits im Jahr 2016 durchgeführt.

Die BZgA appelliert an die Risikogruppen, sich gegen Influenza impfen zu lassen und an Erkrankte, das Bett zu hüten, um nicht zur Verbreitung beizutragen. In der letzten Saison haben etwa neun Millionen Grippe-bedingte Arztbesuche stattgefunden. (ajo)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Mit gutem Beispiel vorangehen

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[08.10.2018, 23:11:05]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Es hakt nicht bei der Grippeimpfung - es hackt bei den selbsternannten Infektiologie-Experten!
Seit 1992 wurde uns als Haus- und Familienärztinnen und -ärzten eingebläut: Influenza-Impfung ab 60 und bei pulmonalen Krankheitsrisiken!

Kaum geht dann etwas schief, leisten Experten nicht etwa Selbstkritik, erörtern falsche Zielgruppenzuordnungen und betreiben angewandte  Versorgungsforschung, sondern dreschen auf die angeblich unfähigen Impf-Ärzte in Klinik und Praxis ein, die sich angeblich zu fein zum Selberimpfen seien.

Doch Ärztinnen und Ärzte, aber auch unsere Patientinnen und Patienten mussten die Influenza-Welle ausbaden! Die vom Robert Koch-Institut (RKI) vorgelegten Zahlen zur Grippesaison 2017/18 belegen für Deutschland eine infektionsepidemiologische Schlamperei von RKI, STIKO und G-BA ersten Ranges.

Es klingt wie Hohn, wenn RKI-Präsident und Kollege Prof. Dr. med. Lothar H. Wieler eine bessere Nutzung der Schutzmöglichkeiten anmahnt: Nach wie vor seien die Impfraten bei Ärzten und Mitarbeitern zu niedrig? Ausgerechnet mit dem offiziell empfohlenen 3-fach-Influenza-Billig-Impfstoff der Gesetzlichen Krankenkassen der GKV und des G-BA hatte man uns abspeisen wollen, mit teilweise erschreckend niedrigen Schutzwirkungen bei durchschnittlich 17 bis maximal 25 Prozent?

Dabei hatte die WHO bereits am 21.2.2013 neben dem 3-fach-Impfstoff unter anderem auch eine 4-fach-Vakzine empfohlen hat: "Recommended composition of influenza virus vaccines for use in the 2013-14 northern hemisphere influenza season - 21 February 2013 - It is recommended that trivalent vaccines for use in the 2013-14 influenza season (northern hemisphere winter) contain the following:
an A/California/7/2009 (H1N1)pdm09-like virusa;
an A(H3N2) virus antigenically like the cell-propagated prototype virus A/Victoria/361/2011b*;
a B/Massachusetts/2/2012-like virus.
It is recommended that quadrivalent vaccines containing two influenza B viruses contain the above three viruses and a B/Brisbane/60/2008-like virusc.
a A/Christchurch/16/2010 is an A/California/7/2009-like virus;
b A/Texas/50/2012 is an A(H3N2) virus antigenically like the cell-propagated prototype virus A/Victoria/361/2011;
c B/Brisbane/33/2008 is a B/Brisbane/60/2008-like virus."
http://www.who.int/influenza/vaccines/virus/recommendations/2013_14_north/en/

Entsprechende Empfehlungen gab es für die Influenza-Saison 2014/2015
http://www.who.int/influenza/vaccines/virus/recommendations/2014_15_north/en/
und für 2015/2016
http://www.who.int/influenza/vaccines/virus/recommendations/2015_16_north/en/
bzw. für 2016/2017:
"Recommended composition of influenza virus vaccines for use in the 2016-2017 northern hemisphere influenza season
25 February 2016
It is recommended that trivalent vaccines for use in the 2016-2017 influenza season (northern hemisphere winter) contain the following:
an A/California/7/2009 (H1N1)pdm09-like virus;
an A/Hong Kong/4801/2014 (H3N2)-like virus;
a B/Brisbane/60/2008-like virus.
It is recommended that quadrivalent vaccines containing two influenza B viruses contain the above three viruses and a B/Phuket/3073/2013-like virus."
http://www.who.int/influenza/vaccines/virus/recommendations/2016_17_north/en/

Der Jurist Prof. Hermann Josef Josef Hecken, angeblich unparteiischer und ebenso Infektiologie- wie Impfserologie-unerfahrener G-BA-Vorsitzender, kritisierte die Debatte um sein eigene G-BA Falsch-Empfehlung in Donald Trumpscher Manier: „Viele haben sich gemüßigt gefühlt, oft auch in völliger Rechts­unkenntnis, über den Sachverhalt zu urteilen. Wer sich da beteiligt hat, hat sich oft auch selbst diskreditiert“, unter aerzteblatt.de im G-BA-Plenum. Man habe die Entscheidung auch nicht vor vier Wochen treffen können, da zu dem Zeitpunkt die „Rezeptur der WHO noch gar nicht da war“, so Hecken völlig unzutreffend. Ihn ärgere, dass in diesem Jahr auf Wunsch der Pharmaunternehmen die STIKO-Empfehlung deutlich früher getroffen wurde, damit Unternehmen genügend Zeit zur Produktion erhalten. Auch der G-BA habe in den vergangenen Jahren eher unbemerkt erst im Mai über den Impfstoff in der folgenden Saison entschieden. „Wir haben die Vorlaufzeit verlängert, dafür haben wir dann die Dresche bekommen.“ Er führt das auch auf die „närrische Zeit in der Politik“ zurück, „in der es keine Bundesregierung gab. Dies ist ja nun vorbei und die Welt wieder in Ordnung“, fügte er hinzu.
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/92262/Influenza-Krankenkassen-bezahlen-ab-Herbst-Vierfachimpfstoff 

Das belegt m.E. eine virologisch bildungsferne, medizin-rechtlich und infektionsepidemiologisch bedenkliche Kumpanei zwischen Robert-Koch-Institut (RKI), Ständiger Impfkommission (STIKO) - "entwickelt Impfempfehlungen für Deutschland und berücksichtigt dabei nicht nur deren Nutzen für das geimpfte Individuum, sondern auch für die gesamte Bevölkerung" - und Gemeinsamem Bundesausschuss (G-BA). Wer hat sich da bloß alles mit deplatzierten Fehlinformationen, infektiologischen Wissenslücken und epidemiologischen "Neglect" bis auf die Knochen blamiert?

Und jetzt resümiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aufgrund der Daten ihrer eigenen Umfrage und des BZgA-Forschungsberichts 2017 diesen Unsinn, den RKI, STIKO und G-BA zu dritt gemeinsam vorher verzapft haben?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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