Ärzte Zeitung, 17.11.2016
 

Tuberkulose

TB-Erreger suchen sich ihre ökologische Nische

Tuberkulose ist eine der gefährlichsten Infektionen weltweit. Forscher wissen jetzt: Es gibt Generalisten und Spezialisten unter den verschiedenen Bakterien-Stämmen. Und sie haben eine perfide Strategie zur Verbreitung.

TB-Erreger suchen sich ihre ökologische Nische

Ein TB-Erreger unter dem Elektronenmikroskop.

© National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID)

BORSTEL. Ein internationales Forscherteam hat von mehreren tausend Tuberkulose-Patienten aus über hundert Ländern TB-Erreger isoliert und genetisch untersucht. Die Analyse zeigt: TB-Erreger können sich spezifisch in ihre ökologische Nische einpassen.

Sogenannte Generalisten verbreiten sich weltweit, Spezialisten hingegen finden sich nur in gewissen Regionen. Diese Erkenntnis könnte die Entwicklung künftiger Impfstoffe weiter erschweren, heißt es in einer Mitteilung des Forschungszentrums Borstel und des Deutsches Zentrums für Infektionsforschung.

Tuberkulose (TB) gehört zu den gefährlichsten Infektionen weltweit. Die Behandlung ist teuer und zeitaufwändig, eine wirksame Impfung gibt es bisher nicht. Es existieren unterschiedliche TB-Bakterien-Stämme mit unterschiedlicher regionaler Ausbreitung.

Nur die sogenannte Linie 4 ist weltweit auf allen Kontinenten vorhanden. Sie ist für die Mehrzahl der 10 Millionen Neuansteckungen und 2 Millionen Toten jährlich verantwortlich.

Erbgut von TB-Erregern analysiert

Unter Leitung von Sébastien Gagneux am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) und DZIF-Wissenschaftler Stefan Niemann vom Forschungszentrum Borstel hat ein Team von 75 Wissenschaftlern an 56 Institutionen das Erbgut von TB-Erregern aus mehreren tausend Patienten analysiert (http://www.nature.com/ng/journal/vaop/ncurrent/full/ng.3704.html" target="_blank">Nature Genetics 2016; online 31. Oktober)

 Dabei zeigte sich überraschenderweise, dass sich Stämme der Linie 4 genetisch nochmals in mehrere Unterlinien einteilen lassen. Einige dieser Unterlinien sind weltweit vorhanden, andere kommen nur regional vor.

Unterscheidung beim Menschen neu

Gemäß der Studie lassen sich TB-Bakterien damit unterteilen in Generalisten mit weltweiter Verbreitung und in Spezialisten, die eine lokal begrenzte ökologische Nische gefunden haben.

Ökologen haben bisher insbesondere bei Pflanzen zwischen Generalisten und Spezialisten unterschieden. Für pathogene Keime, die ausschließlich von Mensch-zu-Mensch übertragen werden, ist diese Unterteilung neu.

Strategie zur Verbreitung

TB-Keime haben eine einzigartige Eigenschaft: Sie variieren ihre Antigene kaum und werden dadurch vom menschlichen Immunsystem effizient erkannt. In der Folge kommt es zu einer heftigen Immunreaktion. Dabei wird insbesondere die Lunge befallen, was über Husten die weitere Verbreitung der TB-Keime begünstigt.

Dank dieser Strategie können sich TB-Keime effizient von Mensch-zu-Mensch übertragen. Die Wissenschaftler zeigen in ihrer neuesten Arbeit, dass "Generalisten"-Stämme noch eine zusätzliche Strategie verfolgen. Sie weisen im Vergleich zu den Spezialisten eine leicht erhöhte Diversität ihrer Antigene auf.

"Generalisten sind damit in der Lage, sehr viel spezifischer auf das Immunsystem in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu reagieren", wird Niemann, der im DZIF den Forschungsbereich "Tuberkulose" koordiniert, in der Mitteilung zitiert.

Sie haben ihre molekulare Strategie angepasst und können sich damit sehr viel globaler durchsetzen und ausbreiten.

Impfstoffentwicklung erschwert

Diese neue Erkenntnis hat Konsequenzen für die Entwicklung eines universell anwendbaren Tuberkulose-Impfstoffs. Denn je ausgeklügelter TB-Bakterien ihre Antigene anpassen können, desto schwieriger ist die Entwicklung einer Impfung, die in allen Bevölkerungsgruppen gleich wirksam ist. Eine längst benötigte TB-Impfung könnte sich damit weiter verzögern.

Möglich wurden diese Erkenntnisse durch die internationale Zusammenarbeit; aus dem DZIF haben Wissenschaftler der Standorte Hamburg-Lübeck-Borstel, München, Tübingen und aus den afrikanischen Partner-Sites beigetragen.

"Nationale und internationale Forschungsnetze sind die Basis für die Bekämpfung globaler Infektionskrankheiten wie HIV und TB" sagte DZIF-Wissenschaftler Michael Hölscher, Leiter des Tropeninstitutes in München. "Dieses Konzept wird im DZIF im Bereich "Tuberkulose" seit mehreren Jahren erfolgreich umgesetzt." (eb)

[17.11.2016, 09:38:13]
Karlheinz Bayer 
welchen IQ haben Tuberkelerreger?

Mit aller kollegialer Distanz, es widerstrebt meinem ungebildeten Allgemeinmedizinerhirn anzunehmen, das Mycobacterium tuberculosis sei in der Lage, Strategien zu entwickeln. Bisher bin ich immer davon ausgegangen, daß wir Menschen Strategien entwickeln, und nicht die Bakterien. Im Grunde genommen haben Tuberkelerreger Eigenschaften, die es ihnen sogar "erlauben", um bei dem personalisierenden Sprachgebrauch zu bleiben, auf Strategien zu "verzichten", denn sie sind magensäurefest und "verweigern sich" in der Regel einer antibiotischen Monotherapie.
Auf Letzteres bezieht sich die unwissenschaftliche Aussage, es gäbe "Spezialisten" unter den Tuberkuloseerregern. Natürlich haben sich bestimmte Erreger nicht irgendwann "zusammengesetzt" und "überlegt", ob sie sich spezialisieren sollen. Vielmehr liegt hier das evolutionär Übliche vor, daß es zu Mutationen kommt, die dann eben eine anderes genetisches Muster aufweisen.
So macht das Ganze einen Sinn.
Strategische Überlegungen sollten jetzt, wenn überhaupt, wir Menschen anstellen und uns fragen, ob es ein Vorteil ist, Mutanten oder Urstämme ins zentrum der Forschung zu stellen. Es könnte dann sein, daß man z.B. leichter die Urstämme mit Antibiotika und die Mutanten per Impfung versucht zu beseitigen.
Es ist ärgerlich, wenn angeblich seriöse Wissenschaftler von angeblich strategisch denkenden und perfide handelnden Einzellern ausgehen. Es zeigt, wie sehr das wissenschaftliche Nie-Wo gesunken ist. zum Beitrag »

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