Ärzte Zeitung, 16.12.2012

ADHS als Kind

Ein ganzes Leben voller Probleme

Wer als Kind ADHS hat, bekommt die Folgen in der Regel für den Rest des Lebens zu spüren: Er verdient später weniger, wird häufiger geschieden und muss öfter in den Knast als Menschen ohne ADHS.

Von Thomas Müller

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Zappelphilipp beim Frühstück: Die Probleme sind programmiert.

© Kristin Schnell / imago

NEW YORK. Wer in der Schule wegen ADHS nicht gut mitkommt, vermasselt sich oft die Chancen auf eine qualifizierte Ausbildung und einen guten Job. Das bestätigt die Nachuntersuchung von 135 Erwachsenen 33 Jahre nach ADHS-Diagnose.

Auch in vielen anderen Bereichen haben die Betroffenen Nachteile, selbst dann, wenn die Störung im Erwachsenenalter wieder verschwindet, berichten Dr. Rachel Klein und Mitarbeiter von der Columbia-Universität.

Sie haben Erwachsene im Alter von 41 Jahren besucht, bei denen mit acht Jahren ADHS diagnostiziert worden war (Arch Gen Psychiatry. 2012; 69: 1295). Als Kontrollgruppe dienten 136 gleichaltrige Erwachsene.

Wie zu erwarten, war die sozioökonomische Situation in der ADHS-Gruppe deutlich schlechter: Der Jahresverdienst lag hier im Median bei jährlich 60.000 Dollar, in der Kontrollgruppe dagegen bei 100.000 Dollar.

Die ehemaligen ADHS-Kranken waren zudem mit ihrer Arbeit häufiger unzufrieden, wechselten öfter die Stellen, waren längere Zeit arbeitslos und wurden häufiger gefeuert als die Teilnehmer der Kontrollgruppe.

Auch bei der sozialen Kompetenz - gemessen an der Zahl und Qualität der Freundschaften sowie den sozialen Aktivitäten - schnitt die ADHS-Kohorte deutlich schlechter ab. Immerhin waren die Teilnehmer der ADHS-Gruppe bei der Partnersuche nicht benachteiligt: Sie lebten ähnlich häufig verheiratet oder als Single wie die Kontrollpersonen.

Allerdings war fast jeder Zweite von ihnen schon mal geschieden (42 Prozent), nur 16 Prozent waren es in der Kontrollkohorte.

ADHS früh erkennen und behandeln

Mehr als jeder Dritte (36 Prozent) musste schon einmal hinter Schloss und Riegel, in der Kontrollgruppe hatten 12 Prozent einen Knast von innen betrachtet.

Insgesamt lebten die ehemaligen ADHS-Patienten offenbar riskanter: 7,2 Prozent waren bereits gestorben, in der Kontrollgruppe nur 2,8 Prozent.

Auch psychische Störungen machten der ADHS-Kohorte vermehrt zu schaffen. 22% hatten nach wie vor ein ADHS, 5% in der Kontrollgruppe. Erhöht war auch der Anteil mit einer antisozialen Störung (16 versus 0%), Nikotinabhängigkeit (30 versus 9%) oder dem Konsum illegaler Drogen (14 versus 5%).

Eine erhöhte Prävalenz für psychische Störungen wurde sowohl bei aktuell an ADHS Erkrankten als auch bei ehemaligen Patienten beobachtet, bei den aktuell Erkrankten war sie aber deutlich höher.

Alkoholmissbrauch trat in der ADHS-Kohorte etwas seltener auf (10 versus 15%), und die Prävalenz von Depressionen und Angststörung war nicht signifikant verschieden. Die meisten psychischen Komorbiditäten entwickelten sich in der ADHS-Gruppe vor dem 21. Lebensjahr, danach ließ sich kein erhöhtes Risiko mehr feststellen.

Das war immerhin ein unerwartet positives Ergebnis. Die Forscher waren zunächst davon ausgegangen, dass ein ADHS in der Kindheit zeitlebens das Risiko für psychische Störungen erhöht.

Doch auch so ist die soziale, ökonomische und gesundheitliche Benachteiligung ehemaliger ADHS-Patienten erheblich. Es sei daher äußerst wichtig, ADHS bei Kindern möglichst früh zu erkennen, Betroffene angemessen zu behandeln und vor allem auch den Krankheitsverlauf langfristig zu beobachten, betonen die Ärzte.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
ADHS ernst nehmen!

[18.12.2012, 09:01:17]
Dr. Fritz Gorzny 
Immer wieder an die Augen denken!
AD(H)S und damit häufige vergesellschaftete LRS/Dyskalkulie sind eindeutig mit Störungen des visualen Systems verbunden, wie ich in meiner täglichen Praxis an Jugendlichen aber auch Erwachsenen Patienten beobachte. Eine differenzierte Analyse der assoziierten Heterophorie vulgo Winkelfehlsichtigkeit hach der Mess-und Korrektionsmethode nach H.-J. Haase am Polatest deckt diese Pathophorieen eindeutig auf. Eine prismatische Korrektion evtl. bei großen Heterophoriewinkeln auch eine Augenmuskeloperation verbessern die Situation der Betroffenen eklatant und machen sie einer Zustztherapie durch LOgopäden, Ergotherapeuten Physio-und Verhaltenstherapeuten überhaut erst zugänglich. Leider sehen die wissenschaftlichen- und vor allem berufspolitischen Organe der OPhthalmologie die gesamte Problematik immer noch restriktiv und verweigern die Hilfe, da sie keinen Therapiebedarf erkennen wollen. Ich empfehle deshalb die Hilfe von darauf spezialisierten Optometristen in Anspruch zu nehmen, die dann im Bedarfsfall auch an die wenigen spezialisierten Augenärzte verweisen.
Info unter IVBS.org
Dr. Fritz Gorzny, Augenarzt. Vizepräsident der Internationalen Vereinigung für Binokulares Sehen (IVBS)  zum Beitrag »
[17.12.2012, 10:05:12]
R. Mortag 
ADHS Ausnahme?
Jamie Oliver ist Legastheniker und ADHS Kind ... und NUN ??? Hohe soziale Kompetenz und ein nicht zu verachtendes Jahreseinkommen.  zum Beitrag »

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