Ärzte Zeitung online, 18.03.2013

Neurologen

Finger weg von diesen Eingriffen

Kein EEG bei Kopfschmerz, keine CEA bei asymptomatischer Karotisstenose: Der US-Neurologen-Verband hat seinen Mitgliedern fünf Untersuchungen und Therapien genannt, die sie besser lassen sollten.

Finger weg von diesen Eingriffen

Halt! Bei Migräne sollen keine Opioide und Barbiturate verordnet werden, empfiehlt der US-Neurologen-Verband.

© Pakhay Oleksandr / fotolia.com

MINNEAPOLIS. Der US-Neurologen-Verband AAN (American Academy of Neurology) hat eine Reihe von häufig angewandten Therapien und Prozeduren mit zweifelhaftem Nutzen kritisch hinterfragt und das Ergebnis in Form einer Fünf-Punkte-Liste für Ärzte und Patienten veröffentlicht.

Die Liste ist Teil der Kampagne "Choosing Wisely", an der sich auch 33 weitere US-Fachgesellschaften mit ähnlichen Listen beteiligen. Sie sollen helfen, unnötige Therapien und Tests zu vermeiden.

Ferner können sie Ärzten Anhaltspunkte für individuelle Entscheidungen sowie Unterstützung im Gespräch mit Patienten bieten, die eben solche Testmethoden und Therapien nachfragen, teilt die AAN mit. Die fünf Empfehlungen sind:

Kein EEG bei Kopfschmerz. Wiederkehrende Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Schmerzen überhaupt und betreffen etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Daran kann jedoch auch ein EEG nichts ändern: Es hat keinen Vorteil gegenüber einer klinischen Untersuchung durch den Arzt und führt nicht zu einer besseren Prognose, erhöht aber die Kosten.

Keine Karotiden-Bildgebung bei Ohnmacht. Zumindest solange keine anderen neurologischen Beschwerden auftreten. Karotisstenosen verursachen in der Regel keine Synkopen, sondern eher halbseitige Beeinträchtigungen des Körpers. Eine Karotis-Bildgebung wird daher nicht die Ursache von Ohnmachtsanfällen erhellen.

Keine Opioide und Barbiturate bei Migräne. Inzwischen sind weit wirksamere Medikamente speziell gegen Migräne verfügbar. Ein häufiger Einsatz von Opioiden und Barbituraten kann die Migräne langfristig sogar noch verstärken. Opioide sind nur dann eine Option, wenn andere Medikamente kontraindiziert sind oder nicht ausreichend wirken.

Kein Interferon beta und kein Glatirameracetat bei progressiver MS. Diese MS-Medikamente sind bei schubförmiger MS zugelassen, verhindern aber keine permanenten Behinderungen bei progressiver, nicht-schubförmiger MS. Sie erhöhen bei dieser MS-Form nur die Therapiekosten und können über ihre Nebenwirkungen die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigen.

Keine CEA bei asymptomatischer Karotisstenose. Eine Endarteriektomie verengter Karotiden ist mit Risiken verbunden und daher symptomatischen Patienten vorbehalten. Eine Ausnahme kann gemacht werden, wenn die Lebenserwartung noch über fünf Jahren liegt und zugleich das erwartete Komplikationsrisiko der Prozedur weniger als drei Prozent beträgt.

Dieses Risiko hängt nicht zuletzt vom Zentrum, dem Monitoring und der Erfahrung des jeweiligen Chirurgen ab, sodass den Patienten oft nichts anderes übrig bleibt, als den Angaben der Chirurgen zu glauben, stellt die AAN fest.

Die US-Kardiologengesellschaft AHA sieht dies etwas lockerer: Sie hält eine CEA bei asymptomatischer Stenose für "vernünftig", wenn die Karotiden zu mehr als 70 Prozent verschlossen sind und die Komplikationsrate "niedrig" ist.

Die AAN gibt jedoch zu bedenken, dass in Studien mit asymptomatischen Stenosen von über 60 Prozent eine CEA die Rate für Tod oder Schlaganfall innerhalb von fünf Jahren nur um fünf bis sechs Prozentpunkte senken konnte. (mut)

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