Ärzte Zeitung online, 07.06.2018

Analyse

Therapie gegen Darmentzündung könnte Parkinson verhindern

Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) erkranken praktisch nicht an Parkinson, wenn sie mit TNF-Hemmern behandelt werden. Darauf deutet eine groß angelegt Analyse von US-Versicherungsdaten.

Von Thomas Müller

Therapie gegen Darmentzündung könnte Parkinson verhindern

Diagnose Parkinson - Die Inzidenz bei CED-Patienten war in der US-Studie um 28 Prozent erhöht.

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

NEW YORK. Große Datenbank-Analysen kommen zunehmend in Mode: Sie können zwar keine klinischen Interventionsstudien ersetzen, aber überall dort hilfreiche Informationen liefern, wo klinische Studien nicht realistisch sind.

So gibt es seit Längerem Hinweise, dass Morbus Parkinson und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) über einen gemeinsamen Pathomechanismus verbunden sind. Auf diese Idee kamen Genetiker, die Gendatenbanken nach Auffälligkeiten zwischen einzelnen Krankheiten durchforstet hatten.

Sie fanden bei CED-Patienten ungewöhnlich häufig Varianten im Gen für LRRK2, welche bisher eigentlich dafür bekannt waren, das Parkinsonrisiko zu erhöhen. Das Gen scheint eine wichtige Funktion als Immunmodulator zu besitzen, was einerseits die Bedeutung bei Darmentzündungen, andererseits eine Rolle bei Entzündungsprozessen neurodegenerativer Erkrankungen erklären könnte.

Dies wird nun durch eine weitere große Analyse bestätigt: Genetiker und Gastroenterologen um Dr. Inga Peter von der Icahn School of Medicine in New York hatten Versicherungsangaben von 170 Millionen US-Amerikanern ausgewertet und konnten dabei eine deutlich erhöhte Parkinsoninzidenz bei Patienten mit CED feststellen – nur nicht bei solchen mit TNF-alpha-Blocker-Therapie (JAMA Neurol 2018; online 23.4.2018).

Sie fanden lediglich zwei CED-Kranke, die unter diesen Medikamenten Morbus Parkinson entwickelten. Die TNF-Blockade könnte also einen interessanten Präventionsweg offenbaren.

Parkinsoninzidenz bei CED um 28 Prozent erhöht

Die Forscher um Peter griffen für ihre Analyse auf zwei große US-Datenbanken mit Einträgen zu Versicherten aus den Jahren 2000 bis 2016 zurück. Sie fanden 144.000 CED-Patienten, die bei der Aufnahme in die Datenbank noch nicht an Parkinson erkrankt waren. 59 Prozent von ihnen litten an Colitis ulcerosa, 39 Prozent an Morbus Crohn, 2 Prozent hatten keine genauere Diagnose. All diesen Patienten stellten sie 720.000 Versicherte mit vergleichbarem Alter, Geschlecht und Aufnahmedatum gegenüber.

Im Laufe von rund dreieinhalb Jahren kam es zu 371 Parkinsonerkrankungen unter den CED-Patienten, was einer jährlichen Inzidenz von 0,73 Prozent entspricht. In der Kontrollgruppe war die Nachbeobachtungsdauer mit 1,75 Jahren im Schnitt etwas kürzer, hier wurden anhand von ICD-Codes und Medikamentenverordnungen 1425 Neuerkrankungen registriert, was eine Inzidenz von 0,57 Prozent ergibt.

Die Forscher um Peter fanden damit eine um 28 Prozent höhere Parkinsoninzidenz unter den CED-Kranken. Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa waren mit einer jeweils um 26 Prozent und 30 Prozent höheren Inzidenz vergleichbar stark betroffen.

78 Prozent seltener Parkinson unter TNF-alpha-Blockern

Etwas mehr als 13.000 Patienten hatten im Verlauf die TNF-alpha-Blocker Adalimumab, Certolizumab, Golimumab oder Infliximab erhalten. Nur zwei davon erkrankten auch an Parkinson, in der Gruppe ohne TNF-Blocker waren es 369.

Unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Beobachtungsdauer ließ sich bei den CED-Patienten mit TNF-Alpha-Hemmern eine um 78 Prozent geringere Parkinsoninzidenz berechnen. Dies deutet darauf hin, dass die TNF-alpha-Blockade erfolgreich Parkinson verhindern kann.

Allerdings sollten die Daten mit Vorsicht interpretiert werden. Zum einen erkrankten in der TNF-alpha-Gruppe zu wenige Patienten, als dass sich eine zuverlässige Inzidenz angeben ließe, zum anderen konnten die Forscher viele Risikofaktoren für Parkinson nicht aus den Versicherungsdaten ableiten, was die Resultate verzerrt haben könnte.

Ob TNF-Blocker tatsächlich präventiv wirken, müsste nun wohl in Parkinson-Tiermodellen geprüft werden. Sollte sich dabei die vorbeugende Wirkung bestätigen, würde natürlich trotzdem niemand solche hochpotenten Immunmodulatoren zur Parkinsonprävention einsetzen. A

ber vielleicht wäre dies ein Anreiz, gezielt nebenwirkungsarme Substanzen zu entwickeln, welche die TNF-alpha-vermittelte Neuroinflammation im Gehirn von Risikopatienten bremsen.

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