Direkt zum Inhaltsbereich

Schizophrene Patienten

Maßregelvollzug statt Therapie

Immer mehr Patienten mit Schizophrenie landen in der Forensik, weil sie in psychotischen Phasen Straftaten begehen. Ein möglicher Grund: Wegen Kostendrucks in psychiatrischen Kliniken werden Betroffene offenbar verfrüht entlassen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Hätte sich das Einsperren verhindern lassen? Schizophreniekranke sind meist nicht gewalttätig, wenn psychotische Phasen verhindert werden.

Hätte sich das Einsperren verhindern lassen? Schizophreniekranke sind meist nicht gewalttätig, wenn psychotische Phasen verhindert werden.

© Führer / dpa

BERLIN. Im kommenden Jahr tritt das neue Entgeltsystem für psychiatrische Kliniken in Kraft, das sich an Fallpauschalen anlehnt.

Psychiater befürchten ab dem Zeitpunkt nicht nur analog zur Chirurgie "seelisch blutige Entlassungen", wie es der künftige Präsident der DGPPN, Professor Wolfgang Maier aus Bonn, formuliert hat, sondern auch ein weiteres Problem: Gewaltbereite psychotische Patienten werden mitunter vermehrt straffällig und kommen in die Forensik, wenn sie die Allgemeinpsychiatrie nicht mehr ausreichend stabilisieren kann.

"Entwicklung besonders tragisch"

So hat Dr. Nahlah Saimeh, Direktorin am Zentrum für forensische Psychiatrie in Lippstadt, darauf hingewiesen, dass die Zahl der in der Forensik untergebrachten Schizophreniekranken in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen hat.

Parallel zum Aufbau von Plätzen in der Forensik sei die Verweildauer in allgemeinpsychiatrischen Kliniken erheblich reduziert worden, was mit dem Kostendruck durch die Krankenkassen zusammenhänge, sagte Saimeh beim DGPPN-Kongress.

"Patienten werden oft postakut entlassen und setzen dann ihre Medikamente ab, weil sie noch nicht in einem Zustand sind, in dem sie die Weiterbehandlung für sich selbst bewerten können."

Ein Teil dieser Patienten könnte dann vermehrt verhaltensauffällig oder straffällig werden. Saimeh hält diese Entwicklung für besonders tragisch, da solche Patienten oft nur in einer psychotischen Phase gewalttätig sind und dann Dinge tun, die sie in anderen Phasen niemals tun würden.

Besser im stabilen Zustand entlassen

Die meisten Gewalttaten von Psychosekranken lassen sich ihrer Auffassung nach verhindern, wenn die Patienten ausreichend behandelt und erst in stabilem Zustand entlassen werden.

"Wenn solche Patienten zu uns in die Forensik kommen, dann haben wir zumindest genug Zeit, wir werden ja nicht von den Krankenkassen bezahlt. Bei uns bleibt ein Patient zwei, drei Jahre, wird dann in der Regel gut stabilisiert entlassen und meist auch nicht mehr rückfällig. Die Sekundärprävention bei Schizophreniekranken klappt wirklich exzellent. Bei schweren Gewalttaten ist das Kind dann aber schon in den Brunnen gefallen."

Die Forensikerin beobachtet auch die Tendenz, dass bei Patienten, die in einer akuten Psychose Straftaten begehen, trotz der Schuldunfähigkeit vermehrt ein Strafrechtverfahren eröffnet wird, sodass sie in die Forensik kommen.

"Eigentlich sehe ich die Psychiatrie jedoch in der Pflicht mitzuwirken, dass weniger Patienten in die Forensik gelangen."

Häufig fehlt die Krankheitseinsicht

Als Problem sieht Saimeh auch die rechtliche Unsicherheit nach dem BGH-Urteil vom Sommer dieses Jahres, nach dem psychisch Kranke nicht mehr gegen ihren Willen medikamentös behandelt werden dürfen.

Werde hier nicht rasch durch den Gesetzgeber nachgebessert, könnte dies ebenfalls dazu führen, dass die Zahl der Schizophreniekranken in forensischen Kliniken zunimmt.

"Schizophreniekranke sind diejenigen, die in der Forensik am meisten von einer langfristigen Behandlung profitieren und noch am ehesten wieder resozialisiert werden können. 40 bis 60 Prozent haben zu Beginn jedoch krankheitsbedingt eine mangelnde Krankheitseinsicht. Wenn wir sie nicht behandeln, dann versündigen wir uns an den bürgerlichen Freiheitsrechten dieser Patienten, die das Sonderopfer, schuldunfähig eingesperrt zu sein, eigentlich nur kurz erbringen müssten. Psychisch Kranke haben ein Recht auf Behandlung, auch wenn sie es selbst krankheitsbedingt nicht mehr einfordern können", sagte Saimeh.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Therapie statt Stacheldraht!

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kongress in Chicago

Herzkongress AHA 2026: Diese Studien könnten die Praxis verändern

Vergleich der Kreise

Wo MRSA-Infektionen besonders häufig sind

Klassifikation von Herztönen nach Auskultation

Zusammenarbeit Mensch und KI: Das Vertrauen kann täuschen

Lesetipps
Richterhammer und Klemmbrett

© Andrii / Stock.adobe.com

Interview

EU AI Act: Was die neuen Transparenzpflichten für Praxen bedeuten

Eine Frau leidet unter Schwindel, hält sich mit der einen Hand an der Tür fest und ihre andere Hand liegt auf der Stirn.

© Tunatura/stock.adobe.com

Neurologin gibt Tipps

So gehen Sie bei Schwindel richtig vor